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Koblenz/Neuendorf

Großsiedlung Neuendorf: Woher kommt die Wut der Jugend?

Dietmar Telser 17.06.2017, 06:00 Uhr

Brennende Müllcontainer, Angriffe auf Polizisten, Einbrüche: Der Koblenzer Stadtteil
 Neuendorf hat einen denkbar schlechten Ruf. Muss das sein?

Artur Golz
Artur Golz war viele Jahre lang Hausmeister in der Koblenzer Großsiedlung. Heute versteht er die Jugend nicht mehr. Immer öfter suchen sie die Konfrontation – mit der Polizei, den Eltern, Anwohnern. Wie konnte es nur so weit kommen?
Sascha Ditscher

Manchmal, da reißt es ihn aus dem Schlaf. Dann liegt er hellwach in seinem Bett und starrt an die Zimmerdecke. Er hört das Dröhnen des Polizeihelikopters, der über den Häusern in der Herberichstraße kreist, die Rotoren, wupp, wupp, wupp, spürt, wie die Hauswände dabei vibrieren, und sieht aus den Augenwinkeln das Kegellicht des Suchscheinwerfers. „Was ist denn jetzt schon wieder?,“ denkt er dann. „Was soll denn das schon wieder?“

Aber Artur Golz weiß es eigentlich ganz genau. Wieder einmal gibt es Ärger mit den Jungs in der Koblenzer Siedlung. Das übliche Theater. Seit Jahren geht das so. Zuerst zünden sie die Müllcontainer an. Nicht die Behälter aus Stahlblech, die zwar große Flammen werfen und lange brennen, sondern die aus Kunststoff, die bestialisch schwarzen Rauch entfachen, sodass dem Golz, der nachts ein Sauerstoffgerät benötigt, die Luft wegbleibt und die Augen tränen. Dann kommt die Feuerwehr, die Polizei. Und manchmal fliegen Steine, frage nicht warum.

Artur Golz, 68 Jahre alt, buschig-grauer Seelöwen-Schnauzer, Augenbrauen, die sich bei jedem Satz wie Staunen heben, streng gescheiteltes Haar und Hände wie ein Hafenarbeiter, Artur Golz also, blickt ernst und müde, als er dies erzählt. So als würden ihm die Nächte ganz im Allgemeinen nur mehr wenig Schlaf schenken. Er brummt: „Es hat sich etwas verändert in der Siedlung.“

Früher, da war Golz Hausmeister, 23 Jahre lang. Er stammt aus einer angesehenen Hochseilartistenfamilie, „mit dem Motorrad den Kirchturm hoch, solche Sachen“. Man kann hier fragen, wen man will. Er war immer eine Respektperson. Er ist das auch heute noch. Respekt ist hier in der Siedlung ein großes, aber manchmal auch ein leeres Wort. Als er, einmal kurz vor seiner Rente, lange ist das nicht her, in seinem Hausmeisterbüro saß, da flog ein Gullydeckel durch die Scheibe. „Hier, schönen Gruß an den Bezirkspolizisten“, feixten draußen die Jungs.

Golz wurde zornig, wie er es nur selten wird. Er rief:
„Dann schmeißt doch dem Polizisten den Deckel rein und nicht mir.“
Und als er raunte, sie mögen den gusseisernen Gullydeckel doch bitte wieder herausschaffen – „helft mir gefälligst, ich bin ein alter Mann“ –, schauten sie ihn bloß mit großen Augen an. „Die Jungs“, sagt Golz, „die denken nicht mehr daran, was das alles für Folgen hat.“

Großsiedlung: Mit Steinen und Molotowcocktail auf die Polizei. Stadtmanager sprechen von einem Stadtteil mit komplexer Problemlage.

Koblenz, Stadtteil Neuendorf, Großsiedlung. Wer von der Siedlung spricht, meint in etwa die Häuser im Dreieck zwischen Herberichstraße, Wallersheimer Weg und Werner-von-Siemens-Straße. Dazu gehört die Weiße Siedlung mit den grauen Hochhäusern und der Bereich „Im Kreutzchen“ südlich des Akkauf-Supermarktes. Oft sagen die Leute aber nur liebevoll: Im Kreutzchen.

Im Kreutzchen verdichten sich die Probleme dieser Stadt. Manche sind sogar der Meinung, die des ganzen Landes. Stadtplaner sprechen in solchen Fällen von einem Stadtteil mit komplexer Problemlage. Kaum irgendwo in der Stadt leben Menschen auf so engem Raum, nirgendwo ist die Chance für Paketboten, auch untertags jemanden zu Hause anzutreffen, so groß. Die Zahl der Arbeitslosen ist doppelt so hoch wie im Rest der Stadt. Mehr als 70 Prozent der Bewohner in der Siedlung haben einen Migrationshintergrund. In Koblenz sind es im Schnitt etwa 30 Prozent.

Immer schon haben sich hier diejenigen gefunden, die es schwerer haben als andere in diesem Land. Früher waren das die Reisenden, die Sinti und Schausteller, dann die ersten Gastarbeiter, die nicht immer das Gefühl vermittelt bekamen, dass sie hier auch richtig sind, die Russlanddeutschen und die, die das Glück im Leben oft vergeblich suchten. Es ist eine Zusammensetzung, die nicht immer Harmonie verspricht. Nirgends in der Stadt leben zudem so viele Jugendliche wie hier in der Siedlung. Rund 29 Prozent sind jünger als 18 Jahre alt. Im Rest der Stadt sind es im Schnitt 15 Prozent. Wenn es etwas gibt, das sie eint, sind es die fehlenden Perspektiven. Die Siedlung hatte so auch stets etwas Verruchtes. Wer es sich leisten konnte, zog in ein anderes Viertel. Das ist auch heute noch so. Und doch ist es anders.

Die Polizeibehörden beobachten seit mittlerweile neun Jahren einen bedeutsamen Anstieg der Jugendkriminalität. Vor einiger Zeit hat das Innenministerium auch Zahlen dazu veröffentlicht. In den vergangenen drei Jahren musste die Polizei zu rund 900 Einsätzen in der Siedlung ausrücken. Aber er ist nicht allein die Anzahl, die viele in der Stadt erschreckt hat. Es ist die Wut und der Zorn der Jugend, die keinen Vergleich kennen. Einmal wurden Polizisten aus dem Hinterhalt mit Steinen beworfen, die Jungs hatten Zwillen dabei. Ein anderes Mal wurde eine Streifenwagenbesatzung mit einem fingierten Notfall in die Großsiedlung gelockt. Als sie ankamen, flog aus einem Versteck heraus ein brennender Molotowcocktail. Selbst die Männer von der Berufsfeuerwehr mussten einmal Schutz suchen, als Steine flogen. Und letztes Jahr zu Halloween eskalierte die Lage vollends. Zunächst legten Jugendliche mehrere kleine Brände. Als Polizei und Feuerwehr eintrafen, kamen die Jungs aus der Deckung. Sie hatten Sturmhauben und Skimasken übergestreift und Steine und Eier dabei.

Vielleicht wäre dies alles in der Vergangenheit mit ein paar dicken Schlagzeilen und einem kollektiven Kopfschütteln erledigt gewesen. Aber inzwischen hat sich Deutschland verändert. Das hat auch mit den Flüchtlingen und Zuwanderern zu tun, die in den vergangenen Jahren in das Land kamen und neue Herausforderungen an die Integrationspolitik stellen. Die Fehler aus der Vergangenheit sollen sich nicht wiederholen. Es wird auch deshalb wieder etwas genauer hingesehen, wo und warum sich Brennpunkte und Problemviertel entwickelt haben. Der Begriff No-Go-Area ist keiner mehr allein des rechten Diskurses, und selbst die Grünen drücken sich nicht mehr um das Thema Sicherheit.

Die Polizei kommt hier nicht rein. Sonst Beef.

Jugendliche aus der Siedlung


Sie haben einen Halbring gebildet. Zehn, zwölf Jungs, vielleicht 15 bis Anfang 20 Jahre alt, nichts als Hormone, aufgedreht, voller Adrenalin, einige haben Kapuzen übergezogen, einer wagt sich aus der Reihe, tänzelt ein paar Schritte vor und wieder zurück, reckt die beiden Mittelfinger nach oben.

„Hier ist Siedlung Neuendorf“, ruft er, „Yeah.“ „Ey. Scheiße Polizei“, sagt ein anderer.
„Ey“, sagt einer, „Scheiße Rhein-Zeitung. Ist doch alles Lüge, was ihr über die Siedlung schreibt.“ „Die Polizei soll uns in Ruhe lassen.“  „Die provozieren uns.“
„Also, gestern erst, wir stehen da, chillen, kiffen, dann kommen die Bullen, schalten das Fernlicht ein.“  „Voll die Provokation.“ „Wenn die aufhören, dann ist gut.“

Einer, nennen wir ihn Mehmet, macht jetzt besonders auf halbstark.
„Hör nicht auf ihn“, sagt ein anderer, dem das alles unangenehm ist. „Der ist behindert.“
„Schreib in die Zeitung“, sagt Mehmet, von dem es in der Siedlung heißt, dass er keinem etwas zuleide tun kann, „schreib: Die Polizei kommt hier nicht rein. Sonst Beef.“
„Behindert“, sagt der andere, wischt mit der Hand über die Stirn.

Mehmet baut sich jetzt vor einem auf: „Schreib das hier in die Zeitung, groß: Polizei, wollt ihr Beef?“. „Der ist Dillo.“„Ist doch gut, wenn die Polizei Angst vor uns hat.“

Wer mit der Polizei über die Siedlung sprechen will, merkt schnell, wie delikat das Thema ist. Bei der ersten Terminanbahnung verweist die Pressestelle der Behörde zunächst auf die, ihrer Meinung nach, bereits erfüllte Auskunftspflicht nach dem Landesmediengesetz und schreibt, dass sie doch lieber davon absehen möchte, „tiefer in die Pressearbeit einzusteigen“. Schließlich wolle man Nachahmertaten vermeiden und die Bewohner durch eine negative Berichterstattung nicht weiter stigmatisieren. Das ist ein hehres Ansinnen, aber vermutlich bestenfalls die halbe Wahrheit.

Die andere Seite ist die, dass die Polizei unter Druck ist. Schon vor Jahren wurden Wohnungen in der Siedlung angemietet, um die Rädelsführer zu observieren. Es gab mehrere Razzien, verstärkte Fußstreifen, Festnahmen. Es wurde der Runde Tisch Jugenddeliquenz gegründet, die Wohnbaugesellschaft installierte zusätzliche Lampen, Holzeinfassungen der Müllcontainer wurden entfernt, Sträucher und Gebüsche gelichtet, damit sich dort niemand mehr verstecken kann. Der Erfolg aber zeigt sich nur langsam. Es gibt Leute in der Siedlung, die sagen, dass die Polizei nicht ganz unschuldig an der Situation in der Siedlung ist. Dass sie sich vorführen lässt und nicht einschreitet, wenn es notwendig ist. Dass die Polizei, wenn sie durch die Siedlung fährt, nichts zu sehen bekommt als einen ausgestreckten Mittelfinger und dass sie manchmal nicht einmal das interessiert. Und es gibt die anderen, die genau das Gegenteil sagen, die der Polizei vorwerfen, viel zu aggressiv gegen die Jugendlichen vorzugehen und so die Stimmung weiter anzuheizen.

Die Polizei ist deshalb tatsächlich in einer misslichen Lage. Geht sie massiv gegen die Jugendlichen vor, spornt das manche erst richtig an. Hält sie sich zurück, wird ihr schnell vorgeworfen, sie lasse sich an der Nase herumführen. Nach den Vorfällen von Halloween hielt man der Polizei vor, die Ereignisse übertrieben zu haben. Als die CDU-Stadtratsfraktion Anfang des Jahres ein Sicherheitskonzept für Neuendorf und das benachbarte Wallersheim forderte, warf ein Ratsmitglied der FBG in der anschließenden Debatte der Polizei Verharmlosung vor.

Norbert Pfeffer
Polizist Norbert Pfeffer: „Wir mussten darauf achten, dass hier kein rechtsfreier Raum entsteht.“ 
Sascha Ditscher

Wer mit dem Bezirkspolizisten Norbert Pfeffer an einem warmen Frühlingstag vom Kreutzchen die Hans-Bellinghausen-Straße entlanggeht und die Fritz-Michel-Straße wieder zurück spaziert, kann nicht überhören, wie er sich bemüht, etwas Gelassenheit in die aufgeheizte Debatte zu bringen. Pfeffer betont gleich mehrmals, dass man hier genauso wie jetzt am helllichten Tag auch nachts völlig unbehelligt durch die Siedlung spazieren könne: „Es geschieht einem nichts.“ Pfeffer sagt auch, dass ihm gar nicht Bange um diesen Stadtteil ist. Denn immer schon habe es Rebellen unter den Jugendlichen gegeben. Einmal zieht er sogar einen Vergleich zu den Hippies. Brauchen wir strengere Gesetze, um die Jugendkriminalität in den Griff zu bekommen? Ach, nein, sagt er. Fehlt es der Polizei an Personal, Herr Pfeffer? Na ja, seufzt er und denkt dann so lange nach, dass man nicht weiß, ob das schon die ganze Antwort war. „Die Sache ist nicht so einfach“, fügt er schließlich hinzu, „nicht so einfach, wie es sich mancher an seinem Stammtisch denkt.“

Nicht, dass das falsch verstanden wird. Auch Pfeffer betont, dass die Situation in der Großsiedlung mitunter problematisch ist. Er formuliert das so: „Wir waren in einer Situation, wo wir darauf achten mussten, dass hier kein rechtsfreier Raum entsteht.“ Als der Molotowcocktail flog, da sei die rote Linie überschritten gewesen.

Pfeffer hält jeden Freitag von 9 bis 10.30 Uhr eine Bürgersprechstunde am Pfarrer-Friesenhahn-Platz. Es gibt keinen Aushang, der darauf hinweist. Er sagt, dass er nicht mehr eigens darauf aufmerksam macht, weil die Jungs meist die Plakate und Tafeln runterreißen oder beschmieren. Jetzt stellt er einfach seinen Polizeibully vors Gebäude. „Die wissen dann schon, dass ich hier bin.“ Viel reden wollen sie aber in der Siedlung nicht. Die Bande in der Siedlung sind eng geknüpft. Pfeffer formuliert es im Polizeisprech: „Die Auskunftsbereitschaft gegenüber der Polizei ist hier nur gering.“ Die Siedlung spricht ohnehin ihre eigene Sprache. Pfeffer muss sich sehr bemühen, dass er hinterherkommt. Inzwischen hat er einen Weg gefunden, die Sprache der Jungs zu lesen. Immer dann, wenn er ein neues Symbol oder Schriftzeichen an den Mauern in der Siedlung entdeckt, dann notiert er es. Später im Büro gibt er die Zeichen bei Google ein. Neulich zum Beispiel, die Zahl 187. Die 187, die man immer wieder an den Wänden liest, so hat er im Internet recherchiert, sind Hamburger Rapper. 187 Strassenbande heißen sie, ziemlich angesagt momentan. 187 ist auch die Nummer des Mord-Paragraphen im kalifornischen Strafgesetzbuch. Er gilt als Drohung bei Jugendgangs. 

Wer die Siedlung verstehen will, muss die lokalen Zahlencodes der Jungs beherrschen. Es gibt auch die 31er, die 56er, die 070er. Die 31er sind die Verräter. Der Begriff kommt aus der Gangster-Rap-Szene und bezieht sich auf den Paragrafen 31 des BtmG, der Strafmilderung bei Aussagen gegenüber den Ermittlern zusagt. Die 56er und 070er haben ihren Ursprung in der Postleitzahl. Neuendorf hat die 56070. Angefangen hat es mit den 56ern, einem Label für die Rapper-Szene, später kamen die 070er. Für die einen waren die 56er nur Marketing, für die anderen eine Bande. Wer den Mythos der Siedlung ergründen will, kommt an den 56ern nicht vorbei. Und am besten weiß darüber BigT Bescheid.

„Na, BigT?“
„Alles gut?“
„Gut, Bruder, bei dir?“
„Alles gut.“
Gettofaust
„Wann kommt das Video?“
„Bald, Bruder.“
„Wallah.“

Volkan alias BigT
Volkan alias BigT verteidigt seine Siedlung. Er sagt: „Wir sind eine Familie hier.“
Christoph 
Hamacher

Wie sie schauen, die kleinen Jungs mit ihren viel zu großen Baseballkappen, wenn er durch die Siedlung geht. Wie angewurzelt bleiben sie stehen. „Wie spät ist es, BigT?“, fragen sie, nur um etwas gefragt zu haben, während die anderen ihn mit offenem Mund anstarren, dann klopft er ihnen auf die Schulter und streicht den Kleinsten über den Kopf, als wäre er ein Fußballstar. Volkan oder einfach nur BigT, das ist sein Künstlername, ausgesprochen also Big Tiii, was soviel wie Big Trouble heißt, großer Ärger, und den gibt es hier ja bekanntlich genug. BigT macht Rap-Musik. Es geht in seinen Songs meist um das Leben in dem Viertel und um die ganz großen Dinge: Gewalt, Stolz, Ehre und eine Gesellschaft, die Leute wie die aus der Siedlung offenbar nicht in ihrer Mitte haben will. Es ist die dem Genre eigene schonungslose Sprache, die den Konflikt mit den Institutionen zelebriert. Er singt: „BigT, ich bin King im Untergrund“ oder auch „Wir sind gekommen, um zu sterben, geboren, um zu leiden. Denn der Staat schikaniert uns und kann uns nicht mehr leiden“. Seine Reime sind immer auch eine Hommage an die Großsiedlung und Liebeserklärungen im Gangster-Rap hören sich in etwa so an: „Scheiß drauf, ich find die konsequente Gegend toll.“ Es wäre einfach, sich darüber lustig zu machen, aber damit wird man der Sache nicht gerecht.

Wer Volkan trifft, der bekommt es mit einem höflichen, jungen Mann zu tun. Und wenn er neben einem auf der Parkbank sitzt und erzählt und dabei ein wenig fröstelt, fällt einem auf, was für weiche Gesichtszüge er eigentlich hat und was für ein angenehmer Gesprächspartner er sein kann. Volkan war Mitbegründer der 56er. Sie sind Legende hier. Eigentlich waren die 56er eine Rapper-Gruppe, am Ende wurden in dem Umfeld aber immer mehr Straftaten begangen. Volkan sagt, dass das daran lag, dass irgendwann jeder, der auch nur ein T-Shirt von der Gruppe hatte, ihr zugerechnet wurde. Deshalb sei die Sache aus dem Ruder gelaufen. „Ich habe auch Scheiße gebaut“, sagt er heute. Aber das sei vorbei. Heute will er ein positives Beispiel für die Jungs hier sein.

Volkan hat im Vorfeld geschrieben, dass er über die Siedlung reden will, weil ihm etwas an dem Viertel liegt und er hier einiges klarstellen möchte. „Wir werden hier abgeschottet von der Gesellschaft, es ist, als würde es eine Mauer um Neuendorf geben“, klagt er. Aber er sagt, dass das Leben hier einmalig sei und völlig anders, als es von außen so oft dargestellt werde. „Wir sind eine Familie hier. Wir kennen uns von klein auf. Wir helfen uns gegenseitig, wir passen auf uns auf.“ Er sagt: „Zusammenhalt, Vertrauen und Respekt. Das ist Neuendorf.“

Wenn Volkan die Siedlung verteidigt, dann wird er zu Big T. Er sagt, um auch das klarzustellen, dass es gut ist, dass es die Polizei gibt. „Wer weiß, wie es ohne die hier aussehen würde.“ Er findet es auch nicht okay, was zuletzt passiert ist. Aber er meint, dass es auch kein Wunder sei, dass sich alles so aufgeschaukelt habe. „Die Polizisten kommen hier rein, die tun so, als wären sie im Krieg“, schimpft er dann, wird immer lauter und fällt in den Rhythmus seiner Texte, rappt fast, als er schildert, wie die Polizeibeamten in das Viertel kommen, die Jungs, die Kidis auf den Boden schmeißen, sie beschimpfen, sie durchsuchen, ihnen die Hose herunterziehen, vor all den anderen, und er redet sich so in Rage, dass man sehr bald nicht mehr weiß, ist es jetzt ein Songtext, ein Film, oder soll es sich wirklich alles so zugetragen haben.

Wir sind gekommen, um zu sterben,
geboren, um zu leiden.

BigT


Vor einem Wohnhaus in der Siedlung haben sie einen Tisch und drei Stühle auf die Wiese gestellt. Ein Junge, ein Mädchen und ein älterer Mann im Hoodie sitzen dort und beugen sich über den Tisch. Der Mann hat die Kapuze über den Kopf gezogen. Es sieht vom Weiten nach krummen Geschäften aus. Als man näher kommt, wird klar, sie spielen Mensch ärgere Dich nicht.

Es fehlt an nichts im Supermarkt Akkauf. Sie verkaufen honigklebriges Baklawa, Weichkäse in Salzlake und Dürum-Fladen, so groß wie die Reifen eines Kinderfahrrades. Seit einiger Zeit haben sie Kameras installiert. Inhaber Akdag Önder zeigt die Monitore, an denen sie das alles beobachten können, nur der Blick auf die Straße bleibt ihnen aus Datenschutzgründen verwehrt. Es soll ein Video geben, das zeigt, wie ein paar Jungs einen Pkw, den sie kurz zuvor geknackt haben, rückwärts in das Schaufenster lenken. Mit Zigaretten und Schnaps entkommen sie.

Es sind aber meist die klassischen Ladendiebstähle, die dem Inhaber Akdag Önder Arbeit machen. Önder sagt, dass er die Jungs, wenn er sie wieder einmal beim Klauen erwischt hat, festhält und die Eltern kontaktiert. Dann hofft er, dass es zu Hause ordentlich Zores gibt und die Jungs sich das kein zweites Mal trauen. Manchmal funktioniert das, meistens nicht. „Der Respekt ist verloren gegangen“, sagt er. Önder wundert sich, wie gleichgültig es den Eltern oft ist, wenn er einen der Jungs erwischt hat. Manchmal lachen sie darüber. Einmal hat Önder einen der Jungen beim Ladendiebstahl geschnappt. Wenig später stand dessen kleiner Bruder, ein Steppke, vielleicht fünf Jahre alt, wütend vor dem Laden. Er baute sich draußen auf, so wie sich ein kleiner Junge eben aufbauen kann, drohte mit einer riesigen Holzlatte in der Hand und rief: „Was machst du mit meinem Bruder?“

„Hängst hier rum, kommst auf blöde Gedanken.“

Am Bolzplatz der Siedlung stehen zwei junge Männer und rauchen. Einer hat einen Pitbull an seiner Seite. „Der beißt“, ruft er von Weitem und guckt dabei nicht hoch. „Komm nicht her, der Hund beißt“, wiederholt sein Kumpel noch einmal und lacht jetzt so, damit nicht klar wird, ob er es ernst meint. Später sagt er: „Ich verstehe ja, dass die Leute so über Neuendorf reden. Dass die Angst haben, wenn ein paar Typen so wie wir hier rumhängen. Aber siehst du? Ist doch nichts passiert.“ Das sei eben Neuendorf. „Es sind immer welche dabei, die sind nicht stabil, Bruder. Psyche gefickt.“ Was will man machen. „Hängst hier rum, kommst auf blöde Gedanken.“ Einer sagt: „Wir haben auch Scheiße gebaut, Bruder. Aber nicht so. Gullydeckel, rückwärts in Akkauf mit dem Auto ...“ Er tippt mit dem Finger an die Stirn.

Silvia Steinbach
Silvia Steinbach fürchtet, dass sich die Gewalt hochschaukelt. 
Christoph Hamacher

Man kann sie oft auf ihrer Terrasse sehen. Silvia Steinbach, 59, steht dann dort, raucht und schaut auf ihre Siedlung. Seit 1976 wohnt sie hier, mittlerweile „in der Avenue“, wie sie die Fritz-Michel-Straße nennt. Von ihrer Terrasse kann sie alles beobachten, die Fritz-Michel-Straße, den Eingang zum Supermarkt, sie kann manchmal den Russlanddeutschen zusehen, wie sie „den Schnee“, also Kokain, vertickern, und sie kann die Jungs dabei beobachten, wie sie nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Drinnen in ihrer Wohnung aber ist die Welt eine andere, ein barockes Wunderland mit Tapeten, an denen sich puderblasse Rosen ranken, zwei moppelige Putten stehen im Wohnzimmer, so groß wie dreijährige Kinder, schwere Vorhänge opulent drapiert, Keramikvasen mit goldenen Bordüren, zwei Flatscreens, LG, auf dem einen läuft das Nachmittagsprogramm, im zweiten, unten im Kaminofen, eingerahmt von barocken Stuckaturen, flackert das digitale Kaminfeuer. Nichts an dieser Wohnung ist zufällig an seinem Platz, alles ist gepflegt. Selbst der handtaschengroße Chihuahua Schischi ist Teil des aparten Ensembles.

Die Steinbachs, das ist ein Name hier, eine Sinti-Dynastie. Silvia Steinbach hat vieles in der Siedlung erlebt, aber heute macht sie sich große Sorgen, wenn sie daran denkt, wo das alles hinführen kann. Sie befürchtet, dass sich das alles so zuspitzt, dass am Ende einer der Jungen tot auf der Straße liegt.

Es gibt Leute, die sagen, dass sich die Zusammensetzung, die Struktur der Siedlung geändert hat. Früher hätten die großen Familienverbände die soziale Kontrolle ausgeübt und Konflikte innerhalb der Strukturen gelöst. Das waren früher etwa die Sinti und die türkischen Großfamilien. Inzwischen sei die Struktur sehr viel komplexer, dadurch entstehe ein Vakuum, das nicht ausgefüllt wird. Silvia Steinbach sagt, dass sie das mit dem fehlenden Respekt eigentlich nicht so wahrnimmt. Wenn sie den Jungs sagt, dass jetzt auch mal genug sei, „ja, dann hören die auch auf“. Die Jungs, so betont sie, würden ihr manchmal sogar die Lebensmittel nach Hause tragen, wenn sie viel schleppen muss. Sie sagt: Den Jungs fehlt es einfach an einem Ort, an dem sie sich treffen können. „Und vor allem, dass sie ernst genommen werden.“

Bolzplatz in der Siedlung Neuendorf
Bolzplatz in der Siedlung: Es gibt durchaus Angebote für die Jugendlichen – reicht das? 
Christoph Hamacher

Auf dem Platz hinter dem Akkauf hat jemand seinen Röhrenfernseher entsorgt. Drei Jungs, keine acht Jahre alt, haben ihn entdeckt. Einer holt einen Stein. Er wirft ihn gegen die Scheibe des Geräts. Einmal, zweimal, es passiert nichts. Dann suchen sich auch die anderen beiden Jungs Steine und werfen sie gegen den Monitor. Einer kippt das TV-Gerät schließlich um, er fällt nach vorn, aber die Scheibe zerbirst nicht. Dreimal, viermal geht es so weiter, dann geben sie auf.

Es läuft manches nicht gut im Kreutzchen, aber es ist nicht wahr, dass die Siedlung verwahrlost sei, dass an jeder Ecke das Böse lauere, und der No-Go-Area-Vorwurf ist sogar schlicht Blödsinn. Es ist auch nicht richtig, dass hier nichts für die Bewohner gemacht wurde. Es gibt einen Bolzplatz, es gibt den Affenkäfig in dem Basketball gespielt wird, es gibt den Jugendtreff, den Spielplatz und das McKiz, in dem jede Menge Kurse und Treffen angeboten werden. Das Netzwerk der sozialen Akteure, das Engagement, hört man, sei vorbildlich. Und wer an einem sonnigen Tag durch die Siedlung spaziert, nimmt auch das freundliche Gesicht des Kreutzchens wahr, die vielen jungen Familien, die spielenden Kinder, das Grün zwischen den Häuserblöcken.

Und dennoch fällt auf: Es gibt keine Kneipe in dem Viertel, keine kleinen Läden und für die, die zu alt für das Jugendzentrum sind, existiert keine Alternative außer den Straßenecken.

Diplom-Sozialpädagogin Claudia Wickert ist eine herzlich-hemdsärmlige Frau, mit wenig Scheu vor klaren Worten. Ihr Büro liegt im Herzen der Siedlung, Im Kreutzchen 74. Seit gut 20 Jahren arbeitet Wickert für die Caritas in der Siedlung. Sie kennt ihre Pappenheimer, ihr muss keiner etwas erzählen. Sie hat dabei oft genug gesehen, wie die Aufregung über die Situation in der Siedlung anschwillt, um genauso schnell wieder abzuebben. Es verläuft wellenartig, und immer dann, sagt sie, wenn es wieder besonders schlimm wird, „tja, dann sollen wir wieder alles richten“.

Zuletzt war wieder mal so eine Zeit. Sie spricht von einem „Räuber-und Gendarm-Spiel mit der Polizei“, aber sie sagt: „Die Qualität der Auseinandersetzung ist tatsächlich eine Neue.“ Wickert sieht einen der Gründe für die Probleme in der fehlenden Erwerbsbiografie der Väter. „Die Väter haben ihre Autorität verloren.“ Das leuchtet ein: Wenn der Familienvater den ganzen Tag zu Hause sitzt und nicht arbeitet, fällt es den Jungs auch schwer, ihn als Vorbild zu sehen. Künftig sollen Projekte in der Siedlung nicht nur mehr auf die jungen Leute zielen, sondern auch die Väter einbinden.

Aber Wickert weiß auch, dass sie die Probleme im Kreutzchen allein durch soziale Projekte nicht lösen wird. In der Siedlung laufen die sozialen Fragen der ganzen Stadt auf. Manchmal findet sie, dass das ein wenig untergeht in der Diskussion. „Die anderen Stadtteile profitieren davon, dass sich hier alles ballt.“ Sie meint damit: Das ist der Preis, damit die Bürger in der Vorstadt oder am Oberwerth weiter in ihrer heilen Welt leben können. Dabei liegt ihrer Meinung nach gerade in der Siedlung mit den vielen jungen Familien die große Chance dieser Stadt. „Wenn hier investiert wird, wird auch in die Zukunft der Stadt investiert.“

Stadtplaner Iven Messer
Stadtplaner Iven Messer: überrascht vom enormen Potenzial Neuendorfs 
Sascha Ditscher

Die Stadt Koblenz hat das längst verstanden. Neuendorf wurde in das Programm „Soziale Stadt“ aufgenommen. Das ist so etwas wie Aufbauhilfe für benachteiligte Stadtteile. Im Mai haben die Stadtberater vom Büro Dr. Sven Fries Quartier bezogen. Man kann den Stadtteilmanager Iven Messer, 28 Jahre alt, seit Kurzem in seinem provisorischen Büro am Pfarrer-Friesenhahn-Platz antreffen. Der gebürtige Bad Kreuznacher wird gemeinsam mit einer Kollegin mindestens zwei Jahre lang die Siedlung auf ihrem Weg in eine neue Zukunft begleiten. Es ist Messers erstes großes Projekt nach dem Studium. Wo es hingeht, kann man im Büro des Quartiersmanagements schon jetzt erahnen. Dort haben sie ein Modell des Stadtteils auf Tischböcken aufgebaut. Fähnchen kündigen die nächsten geplanten Schritte an, die gelben stehen für langfristige Projekte, orange für mittelfristig, bei den roten Fähnchen geht es bald los. Langfristig sollen zum Beispiel das alte Neuendorf und die Siedlung zusammenwachsen und der ganze Stadtteil am Ende aufgewertet werden. Bald schon wird hingegen das Gebäude am Pfarrer-Friesenhahn-Platz zu einem Stadtteilzentrum ausgebaut, in dem alle sozialen Anlaufstellen konzentriert werden. Der Kindergarten wird erweitert, der Bolzplatz wird deshalb neu gestaltet. Es soll später auch einen Veranstaltungssaal geben und einen Raum für die Jugendlichen, vielleicht in Selbstverwaltung.

Es ist ein gigantisches Programm, das am Ende Millionen kosten wird. Messer wird viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Gerade Ältere würden den Plänen noch mit Skepsis begegnen, spürt er. „Viele haben aufgehört, an etwas Neues zu glauben.“ Zu oft seien sie bereits enttäuscht worden. Aber Messer ist voller Mut. „Neuendorf bietet enormes Potenzial“, sagt er. Es könnte etwas Großes entstehen.

Siedlung Neuendorf
Hochhäuser der Weißen Siedlung: Der Migrantenanteil ist hier überdurchschnittlich hoch. 
Christoph Hamacher

Ein Junge steht auf dem Rasen vor den Hochhäusern in der Michelstraße. Plötzlich läuft er auf einen der Wäscheständer los, springt ab, hängt sich an der oberen Stange fest, wirkt, als wollte er einen Klimmzug versuchen, dann wippt er an der Stange und lässt sich fallen.

Es gibt eine einfache Antwort auf die Frage, weshalb alles so weit kommen musste, die man in der Stadt immer wieder hört. Es liege an den Eltern, die ihren Kindern nicht mehr aufzeigen würden, welche Konsequenzen ihr Verhalten hat. Man muss zum Abschluss dieser Geschichte Ingrid Zehe besuchen, um zu verstehen, weshalb auch dieser Gedanke nicht die ganze Erklärung ist.

 
Ingrid Zehe ist 51 Jahre alt. Seit sie sechs Jahre alt ist, lebt sie in der Siedlung. Sie sitzt mit angezogenen Beinen auf dem Sofa ihres Wohnzimmers und raucht eine Zigarette nach der anderen, obwohl es ihr gesundheitlich nicht so gut geht. Wenn Ingrid Zehe von der Siedlung spricht, ist es ein Gemenge aus Verbundenheit und Zweifel zugleich. Hier in dieser Siedlung kam ihr Bruder mit den Drogen in Kontakt, die ihn später das Leben kosteten. Hier in dieser Siedlung entdeckte auch später ihr Sohn die Drogen, die ihm nichts als Ärger und am Ende eine fünfjährige Gefängniszeit einbrachten. Sie sagt, dass sie alles versucht hat, ihn auf den richtigen Weg zu bringen.

Sie hat ihren eigenen Sohn in seinem Zimmer eingesperrt, sie hat ihn mindestens vier-, fünfmal selbst zur Polizei gebracht. Als sie einmal mitbekam, dass er ein Fahrrad geklaut hatte, zwang sie ihn dazu, es persönlich wieder zurückzubringen und sich dafür zu entschuldigen. Sie hat ihren Kindern auch immer versucht beizubringen, dass es wichtig ist, dass man sein Geld selbst verdient. Auch wenn man dafür putzen gehen muss, alles sei besser als Hartz IV. Sie hat im Grunde vieles richtig gemacht. Und trotzdem. „Ich konnte nichts tun.“

Die Siedlung, das weiß sie, kennt manchmal kein Erbarmen. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wäre sie auf dem Oberwerth oder in Moselweiß aufgewachsen. Wäre ihr Bruder nicht tot? Ihr Sohn nicht im Gefängnis gelandet? Und dennoch sagt sie: „Trotz allem ist es schön, hier in der Siedlung zu leben.“

Ingrid Zehe hilft ab und zu im Jugendtreff aus. Sie kennt einige von den Jungs, die Ärger machten. „Das sind keine Schlechten“, sagt sie. Als sie im Krankenhaus war, kamen einige, um sie zu besuchen. „Die Jungs sind es wert, für sie zu kämpfen.“ Sie sagt es nicht ausdrücklich. Aber sie meint damit auch: Es ist es wert, für die Siedlung zu kämpfen.

Von Dietmar Telser

Anmerkung: Der Abschnitt mit dem Zahlencode 187 wurde um die Bedeutung bei Jugendgangs ergänzt.

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