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Westerwald

RZ-Serie "VorZeiten": Als Mäuse noch fliegen konnten

11.08.2017, 14:22 Uhr

Schon wieder brodelt die Erde, geben denn die Vulkane nie Ruhe? Sie prägen die Landschaft, die 25 Millionen Jahre später den Namen Westerwald tragen wird. Es ist schwülwarm, Zypressen, Lorbeer- und Magnoliengewächse gedeihen in dem subtropischen Klima prächtig und gruppieren sich um einen Maarsee am Stöffel, der Heimat vieler Tiere ist. Da gibt es Krokodile und Frösche, Kaulquappen ebenso wie flinke Fische.

Im Gebüsch rascheln schillernde Insekten, ein Pfeifhase (Amphilagus Wuttkei) huscht herbei, da taucht ein Maulwurf auf, während an anderer Stelle ein otterartiger Fischjäger und ein Hühnervogel zu sehen sind. Plötzlich wird es auch in der Luft lebendig: Eine Flugmaus gleitet über den See. Geschickt stößt sie sich mit ihren Hinterbeinen von einem Baum ab und segelt dank ihrer Flughäute, die sich zwischen den Vorder- und Hinterbeinen befinden, ruhig durch die Luft. Dass sie etwas Besonderes ist, ist der Flugmaus nicht bewusst. Dabei wird sie im 20. Jahrhundert zur Sensation und schließlich sogar einen goldenen Ehrenplatz in einem Museum erhalten, dem Tertiärum im Stöffelpark bei Enspel. 

25 Million Jahre früher besiegelt ein Naturereignis gewaltigen Ausmaßes ihr Schicksal: Ein mächtiger Vulkanausbruch begräbt alles Leben unter glühender Basaltlava und bedeckt die mittlerweile 150 Meter hohen Sedimentschichten des Sees. Flora und Fauna sind wie darunter in einer Konserve eingeschlossen – bis der Mensch sie Millionen Jahre später wiederentdeckt.

„Der ganze Westerwald war vulkanisch geprägt. Die Ausbrüche kann man heute an den Sedimentschichten, den sogenannten Tuffhorizonten, nachweisen“, erklärt Petra Schaefers, die als geowissenschaftliche Präparatorin bei der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesarchäologie/Erdgeschichte arbeitet. „Dann gab es den riesigen Vulkanausbruch, die Lava verschloss den See“, erzählt sie weiter. Der harten, verwitterungsresistenten Basaltkappe ist es zu verdanken, dass der Stöffel als Zeuge einer lange verschwundenen Welt erhalten blieb. Die vor Millionen von Jahren aus dem feurigen Erdinneren geflossene Lava wurde zum dunklen, harten Gestein: dem Basalt. Als dieser dann im 20. Jahrhundert abgebaut wurde, öffnete sich ein Fenster zur Erdgeschichte. Je tiefer der Abbau vordrang, desto näher kam er dem fossilführenden Ölschiefer, dem ehemaligen Stöffel-See.

Seit 1990 sind Fachleute dabei, dieses verschüttete Leben wiederzuentdecken, und lassen sich an der Grabungsstelle gern über die Schulter schauen. Als Zaungast beobachtet gerade Moritz mit seinem Opa Matthias Breuer, ob Schaefers vielleicht noch eine Flugmaus findet? Eigens aus Kirchen-Freusburg sind beide an diesem Tag an den Stöffel gekommen, der im Zusammenhang mit „70 Jahre Landesarchäologie“ besondere Aktionstage anbietet, bei denen die Besucher den Paläontologen bei ihrer Arbeit zusehen und sie mit Fragen löchern können. „Wir sind da als Erdgeschichte zum Anfassen“, erläutert Schaefers das Konzept dieser Aktionstage.

Durch die Funde wird die Zeit des Oberoligozäns vor 25 Millionen Jahren sichtbar und macht das damalige Ökosystem begreifbar. 1992 gelingt den Wissenschaftlern von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Direktion Landesarchälogie/Erdgeschichte) unter Leitung von Dr. Michael Wuttke die Sensation, die ihre Sisyphusarbeit belohnt: Unzählige Ölschieferplatten haben sie bereits aufgespalten, da stoßen sie auf die Stöffelmaus. Das Fossil ist der weltweit erste vollständig erhaltene Fund einer Flugmaus aus der Familie der Eomyiden, eine Nagetiergruppe, die vor circa zwei Millionen Jahren ausstarb. Sensationell ist, wie gut das Fossil erhalten ist, mit vollständigem Skelett, Magen- und Darminhalt, Haaren und Flughaut. Weitere Funde folgen: Frösche, Krokodilzähne, Hühner- und Mausvögel, Fische, Kaulquappen, Insekten und Blätter, Blüten sowie Samen verschiedener Baum- und Straucharten. Die Funde tauchen als dunkle Flecken beim Spalten des schieferartigen Gesteins auf. „Das ist so weich wie harte Butter“, sagt Schaefers und fügt hinzu: „Es braucht schon ein geschultes Auge, um zu erkennen, um was es sich da handelt.“ Sorgsam werden die Funde zunächst in Wasser konserviert, um sie vor dem Austrocknen zu schützen. Leicht könnte sonst alles zerbrechen. Dann werden die Fossilien fachgerecht umgebettet, der Ölschiefer wird dabei durch Kunstharz ausgetauscht.

„Es muss hier am Stöffel auch eulenartige Tiere gegeben haben“, ist sich Schaeffers sicher, „wir haben Gewölle entdeckt.“ Doch noch immer fehlt das Krokodil zu den gefundenen Zähnen. Vielleicht bringt ja schon der nächste Schnitt mit dem scharfen Messer das Tier zum Vorschein? Geübt setzt Schaefers die Klinge an. Geduldig nimmt sie ein Stück nach dem anderen auf dem Grabungsfeld in die Hand, um ihnen ihr Geheimnis zu entlocken. „Das ist alles Handarbeit“, betont sie – und weist darauf hin, dass kein Besucher selbst die Grabungsstelle betreten darf.

Mehr von den Fossilien haben Moritz und sein Opa zuvor bereits im Grabungshaus erfahren. Nun sind sie neugierig auf das Tertiärum, wo die am Stöffel gefundenen Originalfossilien gezeigt werden und das Leben von vor 25 Millionen Jahren wieder aufzuleben scheint. Allerdings sind bis zum 29. Oktober ein paar der Originalfossilien auf großer Fahrt: Sie sind im Landesmuseum Mainz ein wichtiger Teil der Ausstellung „vorZeiten“. Im März 2018 kommen die Exponate wieder nach Hause.

Angela Baumeier

Was Funde uns über Erdgeschichte erzählen

Enspel. Seit April 2016 gewährt ein Museum im Stöffel-Park faszinierende Einblicke in die Erdentwicklung: das Tertiärum, das im Infozentrum untergebracht ist. Optisch reizvoll gestaltet und mit informativen Texten versehen, wird dort Erdgeschichte sichtbar, die sich in den Fossilien widerspiegelt.

Im Tertiärum sind die Fossilien glänzend in Szene gesetzt. Jede Kammer erzählt ihre eigene Geschichte und lädt dazu ein, hinter Klappwände und durch Gucklöcher zu schauen: Das Fenster in die Vergangenheit wird geöffnet. 
Uwe Rose

Der Hauptraum des Tertiärums suggeriert mit seinen Farben dem Besucher, nun im Inneren der Erde zu sein. Die dominierenden Farben sind Schwarz, Rot und Goldgrau. Das Auge saugt sich an einer großen Farbwand fest: Zu sehen ist ein rot glühender Krater. Links und rechts der Wand können Teile mit knappen Infotexten ausgeklappt werden. Darauf zu lesen ist beispielsweise, dass nur eine von Millionen Kreaturen zum Fossil wird, wie die Land-Meer-Verteilung vor 24 Millionen Jahren ausgesehen hat oder auch, wie Wasser alles Leben entstehen lässt.

Vis-à-vis zu diesem Bild glänzen Basaltsteine und Ölschiefer in einer Ecke, die vom feurigen Ende des Stöffel-Sees erzählt. Zwei Infowalzen laden dazu ein, mehr über die Grabungen zu erfahren. Was dabei ans Tageslicht gelangte, das ist in fünf Kammern zu sehen, die jeweils spezielle Themen aufgreifen.

In der ersten Kammer erfährt der Besucher etwas über die Farben der Fossilien und darüber, wie Haut, Haare oder Federn ihre Färbung erhalten. Er lernt blutsaugende Insekten wie die Tsetsefliege kennen und trifft auch einen Hühnervogel.

Ganz in Blau ist die zweite Kammer gehalten, die zudem mit Gucklöchern versehen ist. Sie nimmt den Betrachter mit in das Leben am und im Stöffel-See: Er stößt auf eine Riesenkaulquappe, auf Frösche und Salamander.

Interessantes über das Leben von Krokodilen erzählt die dritte Kammer, die zudem von Bachschildkröten und Kormoranen bevölkert ist. Auch über den häufigen Zahnwechsel eines Krokodils erfährt man etwas.

Die vierte Kammer ist speziell für die jungen Besucher konzipiert. Schlüpft man durch den niedrigen Eingang, so steht man direkt vor einem Wimmelbild, das Tine Kaiser geschaffen hat.

In der fünften Kammer folgt der Höhepunkt: Da ist sie, im goldenen Schrein – die legendäre Stöffelmaus. Sie ist das Herz des Museums. Eigentlich, denn momentan ist sie jedoch in Mainz zu sehen, anstelle des Originals ist eine Fotografie platziert.

Zurück im Hauptraum fällt der Blick auf rote Sitzbänke mit zwei Schaukästen, über denen expressive Bilder leuchten. Wer sich ihrer magischen Anziehungskraft entzieht und nach unten in die Kästen blickt, macht Bekanntschaft mit weiteren Ex-Bewohnern des Stöffels: Dem Pfeifhasen (Amphilagus Wuttkei), einem Maulwurf aus dem Stöffel-See oder auch mit einem otterartigen Fischjäger.

Schließlich stellt eine ausklappbare Wand den Westerwälder Urwald aus feuchtigkeitsliebenden Pflanzen vor, in der darin verborgenen Vitrine geht es um die artenreiche Pflanzengemeinschaft. Und aufgegriffen wird im Tertiärum auch die Frage, wie sich das Klima weiterentwickeln wird. bau

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