Anzeige

Aus unserem Archiv
Mainz

Abstimmung: Ein klares Nein zum Mainzer Bibelturm

Gisela Kirschstein

Die Mainzer sagen Nein zum Bibelturm: Die Bürger der Stadt haben am Sonntag mit überwältigender Mehrheit den Bibelturm am Gutenberg-Museum abgelehnt. Beim ersten Bürgerentscheid in der Geschichte der Stadt Mainz waren am Sonntag 77 Prozent der Bürger, die ihre Stimme abgegeben hatten, gegen den modernen Turm in unmittelbarer Nähe des Doms. 22,3 Prozent sagten indes Ja zu dem Projekt. Insgesamt waren rund 161.200 Mainzer aufgerufen, über das umstrittene Bauprojekt abzustimmen, die Wahlbeteiligung war hoch, das notwendige Quorum wurde erreicht.

Stein des Anstoßes und Objekt eines monatelang währenden erbitterten Streits: Die Computer-Visualisierung zeigt den am Mainzer Gutenberg-Museum geplanten neuen Bibelturm, über den die Bürger jetzt in einem Bürgerentscheid abgestimmt haben. Foto: dpa

Das Ergebnis könne sich in dieser Tendenz nicht mehr ändern, sagte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) nach der Auszählung von 43 von 55 Stimmbezirken. Das erforderliche Quorum von 15 Prozent der Wahlberechtigten, die sich für eine Seite entscheiden mussten, sei aber „deutlich erreicht und übertroffen“ worden. Das Ergebnis wurde am Abend als Ohrfeige für die Stadtspitze gewertet, die Bürgerinitiative „Mainz pro Gutenberg“, die für den Turm geworben hatte, sprach gar von einem „Versagen“ und „Scheitern“ von Ebling persönlich.

picture alliance

„An diesen Bibelturm ist alles gehängt worden, was die Mainzer an Kritik an der Stadtpolitik haben“, sagte der Sprecher der BI „Mainz für Gutenberg“, Henning von Vieregge, „und ich sage Ihnen, jeder Mainzer hat drei Punkte.“ Die BI äußerte sich enttäuscht: Die Ablehnung verhindere die Entwicklung des Gutenberg-Museums „auf lange Zeit“. Der Bürgerentscheid sei „zu spät gekommen“. Auch wegen der verspäteten Information der Stadt sei es für die Befürworter nicht zu schaffen gewesen, „mit Vernunft und guten Argumenten“ für den Turm zu überzeugen, sagte BI-Sprecher

Die Bürgerinitiative Gutenberg-Museum, die mit ihren 13.500 Unterschriften gegen den Turm das Bürgerbegehren ausgelöst hatte, begrüßte das Ergebnis: „Viele Bürger waren mit dieser Planung, egal, aus welchem Grund, nicht einverstanden“, sagte BI-Sprecher Nino Haase. Das Ergebnis zeige, „dass man die Bürger bei solchen Projekten früher ins Boot holen muss.“

„Wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben“, sagte der Gründer der BI, Thomas Mann, unserer Zeitung. „Wir haben vor zwei Jahren gefordert, die Mainzer zu beteiligen, jetzt wurden sie gefragt“, sagte Mann weiter, das sei ein Erfolg auch für die Stadt. „Wir haben das Gutenberg-Museum extrem in den Mittelpunkt gerückt“, betonte Haase, „wenn wir dieses Momentum weiter nutzen, kann das dem Museum nur etwas bringen.“ Mit den nun erreichten 77 Prozent Neinstimmen fiel die Entscheidung allerdings eindeutiger aus als erwartet: Die Mainzer wollen den modernen, 20,50 Meter hohen Turm direkt neben dem Römischen Kaiser nicht. Der „Bibelturm“ genannte Solitär war in einem Architektenwettbewerb Anfang 2017 von einer Expertenjury als Sieger ermittelt worden. Die Stadt wollte damit dem Gutenberg-Museum mit den weltberühmten Gutenberg-Bibeln zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen und eine „Schatzkammer“ schaffen.

Die Kritiker sahen in dem Turm hingegen eine moderne „Monstrosität“, die das historische Ensemble am Liebfrauenplatz zerstöre, nicht genug Ausstellungsfläche schaffen würde und dessen Finanzierung ungeklärt sei. Die Abstimmung sei „keine Richtungsentscheidung“ über Strategie und Visionen der Stadt, „sondern eine Sachentscheidung“, betonte auch OB Ebling: „Wir haben den Stillstand rund um das Museum aufgebrochen und erreicht, dass an jedem Mainzer Küchentisch über Gutenberg geredet worden ist.“ Das Bürgerbegehren sei ein Stück direkte Demokratie, das sei „nichts Falsches.“ Wie es nun mit der Sanierung und dem Ausbau des Museums weitergeht, dürfte nun der Stadtrat neu entscheiden.

Von unserer Mitarbeiterin Gisela Kirschstein

Bad Kreuznach
Meistgelesene Artikel
Suche >