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Bad Kreuznach

Hat der Tanzsport Zukunft? – So polieren die Bad Kreuznacher Tanzschulen das angestaubte Image auf

Wer über Sportarten philosophiert, der denkt erst einmal an grell beleuchtete Hallen, weitläufige Rasenplätze oder volle Fitnessstudios. Von Parkettböden, Kronleuchtern und Discokugeln wird dabei wohl eher selten die Rede sein. Eine Sportart hebt sich aber eben ganz erheblich von ihren Mitbewerbern ab: Dort heißt es Stilettos statt Sportschuhe, Anzug statt Funktionswäsche und Anmut statt Kampfgeist. Die Rede ist – ganz klar – vom Gesellschaftstanz.

Für die TSC-Vorsitzende Kirsten Geisler und den Turnierwart Kajo Heinzen (rechts) ist der Tanzsport weit mehr als nur ein Hobby. Die Landesmeister 2016 tanzen auf Turnieren in der zweithöchsten Klasse und haben in den vergangenen zwei Jahren zehnmal gewonnen.
Klaus Butenschön

Kein Wunder, dass die Assoziationen mit diesem Sport eher selten aufkommen, gehört er doch für viele Menschen nicht mehr selbstverständlicherweise zum Leben dazu. Während es früher quasi noch Gesetz war, in der Jugend einen Tanzkurs zu besuchen, sind die Tänzer unter den Schülern heute oftmals deutlich in der Minderheit. Wer so richtig cool sein will oder am Ende sogar gegen die spießigen Eltern rebelliert, wird wohl kaum einer so traditionellen Sportart nachgehen. Oder?

Wie gefragt ist der Tanzsport überhaupt heute noch? Und welche Auswirkungen hat das leicht angestaubte Image auf die Tanzschulen? Der „Oeffentliche“ hat mit den Bad Kreuznacher Tanzlehrern und ihren Schülern über die gemeinsame Leidenschaft, Alleinstellungsmerkmale, Probleme und die Zukunftsaussichten gesprochen.

Amateure versus Profis: Der Tanzsport hat viele Facetten. Monika und Peter Trollhan (links) sind leidenschaftliche Hobbytänzer – aktuell im Tanzstudio Reinhardt.
Désirée Thorn

Trotz aller vermeintlichen Vorurteile und Hemmnisse zählt Tanzen immer noch zu den beliebtesten Sportarten der Deutschen. Gemessen an der Anzahl der Mitglieder liegt der Tanzsportverband mit rund 210.000 Angemeldeten auf Platz 16 der Deutschen Sportbünde. Ganz vorn liegt – natürlich – der Fußball, gefolgt von Turnen und Tennis. Viele populäre Sportarten müssen sich in der Statistik jedoch vom Tanzsport geschlagen geben wie etwa Basketball, Karate oder Rudern.

So richtig bergauf geht es für den Tanzsportverband trotz der soliden Platzierung aber nicht: Er muss – genauso wie auch viele der anderen Verbände – einen leichten Mitgliederrückgang verkraften. Dem entgegen steht allerdings, dass nicht alle Tänzer im Verband organisiert sind. Genau beziffern lässt sich ihre Anzahl also nicht.

Viele Einsteiger in Bad Kreuznach

In Bad Kreuznach zeichnet sich nichtsdestotrotz ein positives Bild ab: Knapp 400 Mitglieder zählt allein der Tanzsportclub (TSC) Crucenia, und auch an den Tanzschulen gehen weiterhin Anmeldungen ein.

Christina Eigelsbachs (rechts) Tanzschule Daub-Volk ist die einzige, die auch Tanzkurse für Jugendliche anbietet. Sie machen rund 50 Prozent ihres Klientels aus.
Désirée Thorn

Zwischen 300 und 400 Anfänger unterrichtet Christina Eigelsbach mit ihrem Team von der Tanzschule Daub-Volk jährlich. „Tanzen gehört zur Allgemeinbildung“, sagt sie. Die Tanzschule in der Innenstadt ist die einzige in Bad Kreuznach, die auch Kurse für Jugendliche anbietet, und auch die einzige, die Abschlussbälle im Kurhaus veranstaltet. „Wir wollen an Traditionen festhalten und auch eine Plattform bieten, um das Erlernte anzuwenden“, sagt die 37-jährige Chefin, die ihr Unternehmen Ende letzten Jahres ausgeweitet hat und seitdem zusätzlich sowohl in der Planiger Straße als auch in Bingen unterrichtet.

Schon seit 15 Jahren steht die echte Kreuznacherin an der Spitze der Traditionstanzschule, die schon vor knapp 60 Jahren gegründet wurde. „Anfangs ist Herr Daub von Dorf zu Dorf gefahren, 1979 hat Frau Volk die Tanzschule übernommen und ihren Namen hinten drangehängt“, erzählt die heutige Chefin aus der Geschichte ihrer Tanzschule. Und genauso wie an den stadtbekannten Namen hält die Inhaberin auch an den Räumlichkeiten in der Kreuzstraße fest, die ursprünglich zu einer Sauerkrautfabrik gehörten. „Eigentlich ist der Saal zu klein, aber die Innenstadtlage ist unschlagbar.“

Von einem vermeintlich angestaubten Image des Tanzsports bekommt sie jedenfalls nicht sehr viel zu spüren. Das liegt womöglich auch an der modernen Philosophie der Tanzlehrerin. „Praxistanzen“ nennt sie das, was sie und ihre Mitarbeiter in den Kursen vermitteln. „Die Leute sollen zu dem tanzen, was sie im Radio hören. Sie lernen Tänze, die man gebrauchen kann.“

Gewisse Stoßzeiten zeichnen sich aber trotzdem ab: Freitags und sonntags ist am meisten in der Tanzschule los. Und auch von den Jahreszeiten hängt der Andrang ab: „Im Winter ist immer mehr los.“ Gerade im Erwachsenenbereich gehen viele Schüler von Christina Eigelsbach im Sommer anderen Sportarten wie etwa dem Golfen nach. Obwohl sie auch mit einem Klubsystem arbeitet, möchte die Inhaberin deshalb zusätzlich am Kurssystem festhalten und keine langfristigen Verträge mit ihren Schülern abschließen: „Viele Kunden wollen sich nicht binden.“

Hans Peter Reinhardt (links) und seine Frau Stephanie arbeiten im Tanzstudio Reinhardt mit einem Klubsystem.
Désirée Thorn

Anders ist das im Tanzstudio Reinhardt: Dort setzt man auf ein sogenanntes Klubsystem. Die Schüler von Stephanie und Hans Peter Reinhardt schließen ähnlich wie im Fitnessstudio einen Vertrag ab, haben dafür aber die Möglichkeit, zwischen einzelnen Kursen hin und her zu wechseln. Sie sind nicht an einen bestimmten Tag gebunden und können ein und dieselbe Kursstunde mehrmals besuchen. Die Laufzeit der Verträge variiert jedoch, Schüler können sich zum Beispiel auch nur für vier Wochen anmelden. „Das ist ein ganz anderes Tanzkonzept. Die Leute sind flexibler“, erklärt Hans Peter Reinhardt. Auch er glaubt an die Zukunft des Tanzsports, gesteht aber ein: „Es gibt Hochs und Tiefs.“

Als Tanzlehrer spüre man die Schwankungen der allgemeinen wirtschaftlichen Lage, da Tanzen doch zu den teureren Hobbys zählt. „Man muss es bewusst und gern machen“, sagt der Chef und setzt sich gleichzeitig für seine Leidenschaft ein: „Tanzen ist die einzige Gemeinschaftssportart, in der man einen Partner hat – und keinen Gegner.“ Reinhardt selbst hat durch einen Burn-out zum Tanz gefunden und wurde als 27-jähriger „Spätzünder“, wie er es selbst ausdrückt, zum Turniertänzer, bevor er seine Tanzschule 2007 – damals noch in der Bosenheimer Straße – eröffnete.

Seit 2010 führt er das Studio gemeinsam mit seiner Frau Stephanie, die nach ihrer eigenen Tanzkarriere die Umzüge in den Brückes sowie jetzt in die Alzeyer Straße begleitete. Fünf Jahre lang leitete Reinhardt zeitgleich eine Binger Tanzschule, die er vom Vorbesitzer übernahm. „Ich wollte das Ruder rumreißen“, sagt er. Schließlich gab er den Betrieb auf: „Wir wollten zentralisieren.“ Seine Kunden nahm er mit nach Kreuznach. So zum Beispiel Karl-Heinz und Angela Geisinger, deren Tochter Solveig selbst in Bingen als Tanzlehrerin arbeitete. Das Ehepaar schätzt das Konzept der Reinhardts: „Es ist offener und fantasievoller.“ Trotzdem nehmen auch sie die rückläufige Entwicklung im Tanzsport wahr: „Die Schulen haben Schwierigkeiten, ein Publikum zu finden, dabei ist das Tanzen als Paar bereichernd. Es hat einen großen Sozialaspekt.“

Die Nachfrage hat sich verändert

Diese Erfahrungen haben auch die Schüler der dritten Bad Kreuznacher Tanzschule im Bunde, der Tanzschule Zimmerschitt, gemacht. Viele Paare, die bei Ursula Zimmerschitt tanzen, haben ihre gemeinsame Leidenschaft erst entdeckt, als die Kinder aus dem Haus waren, und in den Kursen neue Freunde gefunden. Entstanden sind teils feste Tanzkreise, die sich schon seit Jahren treffen und sogar gemeinsam zu Bällen und anderen Tanzveranstaltungen fahren.

Ursula Zimmerschitt (Mitte) hat viele treue Stammkunden und setzt neben ihren klassischen Kursen auf die festen Tanzkreise.
Désirée Thorn

Trotz der treuen Stammkunden spürt auch Ursula Zimmerschitt eine rückläufige Entwicklung im Tanzsport: „Früher war Tanzen ein Kulturgut, heute wird es mit allen anderen Hobbys in einen Freizeittopf geschmissen.“ Die erfahrene Tanzlehrerin weiß, wovon sie spricht: Schon 1963 hat ihr Mann die Tanzschule in Bingen-Büdesheim gegründet, seit 1985 hat sie die Leitung übernommen. In den 70er-Jahren eröffneten die Zimmerschitts auch ein Studio in Bad Kreuznach, 1989 zog die Chefin in die heutigen Räumlichkeiten in der Rüdesheimer Straße ein.

Eine beeindruckende Historie, doch an den Ruhestand denkt die 62-Jährige noch nicht: „Solang die Gesundheit mitspielt und Tänzer da sind, möchte ich weitermachen.“ Die Konkurrenzsituation mit den beiden anderen Tanzschulen innerhalb der Stadt bereitet ihr dabei wenig Sorgen: „Jeder hat so sein Spezialgebiet.“

Auch wenn sich das tänzerische Leben in Kreuznach stark verändert hat, ist der Standardtanz – unter Jugendlichen wie Erwachsenen – immer noch gefragt und beliebt. So individuell wie die Ansprüche der Kunden sind auch die Angebote der drei Bad Kreuznacher Tanzschulen. Und auch wenn die Tanzlehrer teils die wirtschaftlichen, saisonalen oder trendabhängigen Hochs und Tiefs zu spüren bekommen, blicken sie nicht auf ein eingestaubtes Geschäftsmodell, sondern auf eine lebendige Tradition.

Von unserer Reporterin Désirée Thorn

Nachwuchsprobleme kennt der TSC Crucenia nicht

Neben den drei Tanzschulen bildet der Tanzsportclub (TSC) Crucenia den tänzerischen Mittelpunkt Bad Kreuznachs. Knapp 400 Mitglieder zählt der Verein, davon sind 45 Personen (14 Prozent) als Fördermitglieder angemeldet, die restlichen Mitglieder nehmen aktiv am Vereinsleben teil. Die meisten von ihnen (32 Prozent) profitieren vom Kindertanzbereich, 30 Prozent der Mitglieder nehmen als Paare an Tanzkreisen teil, 14 Prozent der Mitglieder tanzen ohne Partner, und nur 10 Prozent sind professionelle Turniertänzer. Nachwuchsprobleme kennt der TSC überhaupt nicht – im Gegenteil: „Wir bräuchten unbedingt mehr Trainer. Wir haben sogar schon an einen Aufnahmestopp gedacht“, sagt die Erste Vorsitzende des TSC, Kirsten Geisler.

Gerade im Kinderbereich sei der TSC nahezu überlaufen: „Wir haben drei Gruppen für Kinder ab drei Jahren mit insgesamt 60 Teilnehmern.“ Doch der Tanzsport ist in allen Generationen beliebt: „Er deckt so viele Bereiche ab – sowohl geistig als auch körperlich. Das hält fit.“ Bekannt ist der TSC auch für seine Veranstaltungen. Dazu zählt insbesondere der Ball Crucenia, der schon seit 37 Jahren organisiert wird. Aber auch ein Neujahrsempfang, Tanzturniere und sogar eine Landesmeisterschaft (am 10. Februar) richtet der TSC in Bad Kreuznach aus. det

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