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Antweiler/Koblenz

Antweiler-Prozess: Haushaltshilfe (55) schildert Kita-Horror

Eugen Lambrecht

Es gab Zeiten, da hätte Ursula B. sich keinen besseren Arbeitsplatz erträumen können als in der Kita Regenbogen in Antweiler. Im Sommer 2013 waren diese Zeiten längst passé. Und als sie erneut mitansehen musste, wie eine Erzieherin einem weinenden Mädchen Essen in den Mund stopfte, ein Getränk nachkippte und dabei den Kopf des Kindes nach hinten drückte, war für sie klar: „Ich muss sofort kündigen.“ So hat es die ehemalige Haushaltshilfe des Kindergartens jetzt am Landgericht Koblenz geschildert – und damit vor allem eine der vier angeklagten Erzieherinnen schwer belastet: Claudia W.

Gefesselte und eingesperrte Kinder, in enge Hochstühle gequetscht und gewaltsam zum Essen gezwungen: Die Vorwürfe gegen vier ehemalige Erzieherinnen der Kita „Regenbogen“ in Antweiler sind schockierend.
Sascha Ditscher

Es war der zweite Prozesstag um die mutmaßlichen Kindesmisshandlungen in der Kita Antweiler. Wieder strömten zahlreiche Zuschauer in den Gerichtssaal. Laut Anklage sollen drei der Erzieherinnen neun Kinder zwischen Februar 2012 und November 2013 in der Dorfkita misshandelt haben. Die vierte Frau habe die Taten nicht verhindert. Einige Kinder seien in enge Hochstühle gequetscht, gefesselt oder in abgedunkelten Räumen weggesperrt worden. Andere sollen gewaltsam gezwungen worden sein, ausgespucktes Essen erneut in den Mund zu nehmen.

Ursula B., die von 2008 bis 2013 als Haushaltshilfe in dem Kindergarten tätig war, ist wohl einer der wichtigsten Zeugen in dem Prozess. Gemeinsam mit einer anderen Erzieherin hatte sie die Missstände dem Kita-Träger gemeldet – und den Fall mit an die Öffentlichkeit gebracht. Vor Gericht schilderte die 55-Jährige, dass die Probleme mit der Einführung eines neuen Speisesaals anfingen – der „Sternenküche“. „Ab da ging alles den Bach runter“, erinnert sich die Frau.

Fortan seien die Mahlzeiten von permanenter Unruhe begleitet gewesen. Doch nicht wegen der Kinder – sondern wegen der Erzieherinnen. Die hätten immer strengere Regeln eingeführt. „Plötzlich hieß es: Alles, was auf den Tisch kommt, muss aufgegessen werden.“ Ursula B. beschrieb die Veränderungen als schleichenden Prozess: Zuerst seien die Kinder laut aufgefordert worden aufzuessen. Später hätten die Erzieherinnen unruhige Kinder gefüttert. Zuletzt seien die Kleinen in zu enge Hochstühle gequetscht, im Abstellraum eingesperrt, gefesselt und zwangsernährt worden. Die Haupttäterin sei Claudia W. gewesen: „Sie war der Chef.“ Einmal soll sich ein Junge beim Essen in seine Hände übergeben haben. Doch statt ihn sauber zu machen, habe Claudia W. ihn weitergefüttert – während das Kind mit seinem Erbrochenen in den Händen weinend vor ihr stand.

Die Anwälte der Erzieherinnen versuchten, die ehemalige Haushaltshilfe in die Mangel zu nehmen. Claudia W.s Verteidiger wollte wissen, warum die Frau seine Mandantin nie persönlich auf die Probleme ansprach. Ursula B.s Antwort: „Claudia hat mich mal gefragt, ob ich mit ihren Erziehungsmethoden nicht einverstanden sei. Als ich das bejahte, sagte sie: ‚Das sieht man dir an – Weichei!’“ Eine Anwältin fragte: „Warum haben Sie den Kindern nicht geholfen?“ B.s Antwort: „Sie haben recht. Ich schäme mich, dass ich nicht mehr getan habe. Es tut mir leid.“ Die Anwältin hakte nach: „Sie wissen aber schon, dass Sie in Notsituationen helfen müssen?“ An diesem Punkt platzte dem Vorsitzenden Richter Ralf Bock der Kragen: „Das gilt auch für die Personen auf der Anklagebank. Ich werde langsam unruhig durch die ganze Fragerei.“

Am Nachmittag sagten dann die ersten mutmaßlichen Opfer aus: Zuerst schilderte eine betroffene Mutter, dass ihr Sohn damals nahezu täglich im Bett lag, weinte und fragte, ob er morgen im Kindergarten zu Mittag essen müsse. Dass er erzählte, wie er in einen Hochstuhl gequetscht werde, damit er esse. Und dass die Mutter eine Erzieherin darauf ansprach, diese aber alles abstritt. Erst als ihr eine andere Mutter von Missständen in der Kita erzählte, habe die Frau gemerkt, dass ihr Sohn die ganze Zeit die Wahrheit gesagt hatte. „Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich habe sofort geweint.“ Der Junge kam vorerst in eine andere Kita. Doch zeigte er sich dort verhaltensauffällig. Einmal habe er sich so viel Papier in den Mund gesteckt, bis nichts mehr reinpasste. Eine Kinderpsychologin habe der Mutter erklärt: „Er will damit zeigen, was ihm in Antweiler passiert ist.“

Nach der Vernehmung der Mutter war ihr Sohn an der Reihe. Der betrat lächelnd den Gerichtssaal, umklammerte ein Stoffhäschen und setzte sich auf den Zeugenstuhl – auf Wunsch der Eltern mit dem Rücken zu den Angeklagten. Dann wiederholte er die schweren Vorwürfe gegen Claudia W.: Sie habe ihn in einen Hochstuhl gequetscht, im Abstellraum und in der Sporthalle eingesperrt und mit Klebeband die Hände festgebunden. „Bist du auch mal im Kindergarten geschlagen worden?“, fragte eine Gutachterin den Jungen. Seine Antwort: „Ja, wenn ich meinen Eltern erzählt habe, was die machen.“

Der Prozess geht am 17. Mai weiter.

Von unserem Reporter Eugen Lambrecht

Bad Neuenahr-Ahrweiler
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