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Sinzig

Filmdreh rund um Sinzig: Set sorgt für Aufsehen

Judith Schumacher 12.10.2017, 06:00 Uhr

Der Kirchplatz ist übersät mit Müll, leeren Bierflaschen, dazwischen liegen umgeworfene Mülltonnen, Tische und Stühle der umliegenden Gastronomie-Betriebe. Die Szenerie ist nicht das Werk von Vandalen sondern ganz im Sinne der Requisite, die für die Filmkulisse des Regisseurs David Figura aus Sinzig ganze Arbeit geleistet hat.

Auch an der ehemaligen Glasfabrik im Bad Breisiger Gewerbegebiet werden nachts Szenen für den Sechsteiler gedreht.
Daniel Höck

Schon zu Beginn der Dreharbeiten hat die sechsteilige Serie „Scheiße war schon immer braun!“ für Aufsehen in der sonst so beschaulichen Kommune am Rhein gesorgt. Die Serie ist David Figuras Abschlussarbeit an der Kunsthochschule für Medien Köln. Es geht um das Erwachsenwerden von vier Freundinnen im Alter von 16-19 Jahren, die auf der Suche nach ihrem Platz im Leben rebellieren und dabei auch Grenzen überschreiten.

Zur Hauptbesetzung der Serie gehören Sinha Melina Gierke, die für ihre Hauptrolle als Sophia Finck in der an der Ahr gedrehten Mystery Serie „Weinberg“ mit dem 52. Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Arved Birnbaum, der in „Weinberg“ den Bürgermeister spielte, gibt in Figuras Produktion ihren Vater. Franziska von der Heide, bekannt durch ihre Rolle als Mieze in der TV-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, ist ebenfalls mit von der Partie. In weiteren Rollen sind unter Alexandra Schlensog, Kinofilm „Die Abenteuer des Huck Finn“ und Theaterschauspielerin Damla Kleemeyer „Angst – oder wie Walter zum Attentäter wurde“ zu sehen.

Doch wie kommt ein junger Filmemacher an so hochkarätige Darsteller? „Er hat mir das Drehbuch geschickt, und ich habe sofort gewusst: Da will ich auf jeden Fall dabei sein“, sagt Sinha Melina Gierke. Neben ihr sitzen ihre Freundin und Kollegin Franziska von der Heide und Regisseur Figura. Die drei sind noch etwas übernächtigt von den Dreharbeiten zuvor, die bis zum frühen Morgen andauerten. „Wir haben ein Auto geklaut und sind damit von Bad Breisig bis nach Sinzig gefahren“, erläutert Franziska von der Heide die Aufgabenstellung.

Die Fahrtszenen wurden vorgedreht und als Rückprojektion für die Schauspielerinnen eingeblendet, die sich so voll auf ihre Rollen als aufbegehrende Mädchen konzentrieren konnten. Den ersten persönlichen Kontakt mit ihrem Regisseur hatten von der Heide und Gierke bei einem ersten Casting in der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Die zweite Runde spielte auf einem Kölner Schrottplatz, wo sich Figura davon überzeugte, dass seine Akteure auch den Anforderungen der Rollen gerecht werden.

David Figuras mit seinen jungen Schauspielerinnen.

„Wir haben noch nie ein Auto kaputt gemacht, ich habe nicht gewusst, wie schwierig es ist, eine Windschutzscheibe einzuschlagen oder einen Außenspiegel abzutreten“, sagt Franziska von der Heide schmunzelnd. „Außerdem haben wir schnell gemerkt, dass die Chemie zwischen uns stimmt. David ist ein sehr emphatischer Regisseur, der sich trotz des knappen Budgets sehr viel Zeit nimmt“, ergänzt Sinha Melina Gierke.

Beide genießen den Luxus, professionell, auf Augenhöhe und mit Leidenschaft zu arbeiten – und das ohne den oft großen Zeitdruck, den manche TV-Produktionen mit sich bringen. „Wir schaffen hier keine Massenware, sondern dürfen uns selbst ausprobieren“, erklärt Gierke den besonderen Reiz dieser Arbeit. Besonders das serielle Format kommt Figuras Art zu arbeiten zupass. „Alles ist nicht zwangsweise in 90 Minuten gepresst, es gibt mehr Freiheiten, eine Geschichte horizontal zu erzählen und mit vertikaler Dramaturgie zu arbeiten“, sagt er. So könne er die schön verschachtelten Familiengeschichten der Mädchen verknüpfen.

Auch wenn die Stadt Sinzig als Spielort in der Serie nicht genannt wird, werden die Sinziger viele Schauplätze wiedererkennen. Zu den Drehorten gehören die Bachovenstraße, der Rathausplatz, die Barbarossastraße und der Lunapark in Sinzig. Auch das Bad Bodendorfer Schwimmbad, der Hügel Ziemert und das Eifeldorf FPZ Bad Breisig, in dem das Filmteam untergebracht ist, dienen als Kulisse.

„Ich fühle mich hier unglaublich wohl, es ist jedes Mal fast ein bisschen wie nach Hause zu kommen. Und mir ist fast so, als würde ich hier wohnen“, meint Franziska von der Heide lächelnd. Beeindruckend ist für sie, wie sich das Team immer mehr von der Geschichte faszinieren lässt und mittlerweile fast zu einer Familie zusammen gewachsen ist.

„Außerdem wollten Franziska und ich schon lange einen Film zusammen machen und David gab uns die Chance dazu“, freut sich Grimme-Preis-Trägerin Gierke. Der nächste Drehtag wird spannend. Dann werden sich die rebellischen Mädchen an einem Polizisten rächen.

Einen Eindruck von der Produktion gibt es hier.

Von unserer Mitarbeiterin Judith Schumacher

Filmemacher David Figura und sein Gesellenstück

Sinzig. Der 35-jährige David Figura hat nach seinem Abitur auf dem Sinziger Rhein-Gymnasium bei einer Berliner Filmproduktionsfirma erste Einblicke in das Drehen von Musikvideos bekommen, und ihm war schnell klar, dass er eigene Sachen machen wollte. „Ich war immer schon ein visueller Mensch, habe viel gemalt und fotografiert“, sagt er. Dann absolvierte eine Ausbildung zum Mediengestalter in Bild und Ton bei der Bonner Fraunhofer Gesellschaft.

Bei seiner Serie wirken viele Menschen mit, die er noch aus dieser Zeit kennt. Im Anschluss studierte Figura vier Jahre Kamera in Dortmund und wechselte dann für vier Semester zur Kölner Kunsthochschule für Medien. Das Alter, welches die Mädchen im Film durchleben, habe auch er in Sinzig durchlebt. In den vier Charakteren der Mädchen und ihrer Entwicklung kommt auch viel Autobiografisches vor. „Meine Erlebnisse von damals, in der ich rebelliert habe und ich nur Sachen gemacht habe, die mir Spaß machten, wirken nach“, so Figura.

Obwohl er in Berlin, Dortmund und Düsseldorf gelebt hat, kommt er immer wieder zu seinen Wurzeln zurück. Die Region um Sinzig als Drehort zu nehmen, lag nahe, weil er sich hier auskennt und gut vernetzt ist. Das wirkt sich auch aufs Budget au. Für den zweiten Teil der Serie stehen dem Filmemacher 20.000 Euro zur Verfügung. Durch seine guten Kontakte helfen ihm viele Freunde beim Dreh seiner Abschlussarbeit. Für die Finanzierung der Fortsetzungen führt er zurzeit Gespräche mit TV-Sendern. In Zeiten, in denen die Politik eine deutliche Verschiebung nach rechts zu verzeichnen hat, will Figura zudem auch politisch Standpunkt beziehen. ith

Bad Neuenahr-Ahrweiler
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