Anzeige

Aus unserem Archiv
Koblenz

Koblenzer OB-Wahl auf der Zielgeraden: So lief das Duell [mit Videos]

Doris Schneider 12.10.2017, 18:30 Uhr

Bei der RZ-Podiumsdiskussion sprechen Bert Flöck und David Langner über ihre Ziele, Ideen und Stärken. Welche Lösungen sehen die beiden Oberbürgermeisterkandidaten für die drängenden Probleme der Stadt?

Die Stimmung ist gelöst, fast schon freundschaftlich. Bert Flöck und David Langner sind beide gut gelaunt, machen Scherze, auch ein paar kleine, lustig-spitze Bemerkungen in die Richtung des Gegners. Doch zu lautem Säbelrasseln oder Diffamierungen lassen sie sich nicht hinreißen bei der Podiumsdiskussion, zu der die RZ ins Druckhaus eingeladen hatte. Den letzten großen öffentlichen Showdown vor der Wahl am Sonntag nutzen Langner und Flöck lieber, um über ihre Ziele, Ideen und Stärken zu sprechen.

Und die unterscheiden sich gar nicht so groß voneinander, sodass es letztlich vielleicht eine Geschmacksache bleibt, wen von beiden man wählen wird. Seine große Erfahrung in Verwaltungssachen, aber auch in Stadtmarketing und Tourismusfragen stellt der 59-jährige Bert Flöck gern heraus, seinen Elan, Dinge von außen zu betrachten und Veränderungsprozesse gemeinsam mit der gesamten Verwaltung in Gang zu setzen, schnellere Entscheidungen zu treffen, unterstreicht der 42-jährige David Langner.

Beide haben Fangruppen im Publikum sitzen, die demonstrativ anfangen zu klatschen, wenn ihr Kandidat etwas gesagt hat. Manchmal wird ein spöttisches „Ach was“ geraunt. Doch die Stimmung im Publikum bleibt fair. Und auch die beiden Kandidaten wissen, dass sie in drei Tagen immer noch irgendwie zusammenarbeiten müssen, auch wenn sie im Moment Gegner im Kampf um das Amt des Oberbürgermeisters sind. Denn je nach Wahlausgang am Sonntag werden dann der Oberbürgermeister David Langner und der Baudezernent Bert Flöck ganz eng gemeinsam im Stadtvorstand oder der Oberbürgermeister Bert Flöck und der Staatssekretär David Langner zumindest punktuell intensiv miteinander zu tun haben. Bert Flöck hat denn auch die Lacher auf seiner Seite, als er sagt: „Sie werden als Staatssekretär mit Ihren Schecks immer sehr willkommen sein, Herr Langner.“ Und David Langers Aussage wird ebenso beklatscht und belacht, als er sagt: „Ich brauche Ihre Erfahrung als Baudezernent auch weiterhin, Herr Flöck.“

Das, was die beiden als wichtigste Aufgaben der Stadt in den kommenden acht Jahren unter ihrer Führung ansehen, unterscheidet sich nicht wesentlich – was sicher in der Natur der Sache liegt. Denn dass ein besseres Angebot an Öffentlichem Personennahverkehr, mehr Radwege und die Lösung des Wohnungsproblems in Koblenz zu den vordringlichen Aufgaben gehören, bezweifelt wohl niemand.

Wenn sie tatsächlich am Sonntag zum Oberbürgermeister gewählt werden, mit welchem Gefühl gehen sie dann an das Amt heran?, fragt Moderatorin Stephanie Mersmann die beiden Kandidaten. „Mit Demut und Respekt“, sagt Langner. „Ich weiß, dass das ein Vertrauensvorschuss ist, den ich mir dann in acht Jahren oder länger erarbeiten muss. Die Bürger sind letztlich der Erste Arbeitgeber.“ Und Bert Flöck antwortet: „Es ist eine große Herausforderung, sich der Sorgen und Nöte der Menschen anzunehmen. Aber man wird es nie allen recht machen können. Das muss man gut erklären. Und dann muss man es akzeptieren.“

Langner gegen Flöck: Was sie eint, was sie trennt

Sie treten als unabhängige Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters an, aber David Langner und Bert Flöck sind beide schon als Schüler Mitglied der SPD beziehungsweise der CDU geworden. „Was bedeutet Ihnen die Partei?“, ist eine der Fragen, die RZ-Redakteurin Stephanie Mersmann stellt, von denen hier nur einige angerissen werden können. „Heimat“, sagt Bert Flöck ein bisschen nachdenklich. „Tradition und Werte.“ Dabei betont er, dass die Unabhängigkeit kein Mäntelchen ist, sondern dass in der Kommunalpolitik die Parteizugehörigkeit wirklich keine große Rolle spielt. „Das sieht man auch daran, dass ich in führenden Positionen mit zwei SPD-Oberbürgermeistern gut zusammengearbeitet habe.“ Für David Langner war es von vorneherein klar, dass er nicht als SPD-Kandidat antreten wollte. „Bei meinem Wahlkampfauftakt im Café Hahn waren 300 Gäste da, eine ganz bunte Mischung, und die meisten wären nie zu einem SPD-Parteitag gekommen. Ich finde es wichtig, dass aus vielen verschiedenen Kreisen Leute dabei sind, die gemeinsam an guten Ideen für Koblenz arbeiten.“

Langner gegen Flöck: Was sie eint, was sie trennt.
Sascha Ditscher

Thema Radwege: Was genau wollen die beiden tun, um den Radverkehr in Koblenz zu stärken? Denn die Notwendigkeit sehen beide Kandidaten. „Bei jedem Straßenausbau muss man das Thema schon mitdenken“, sagt David Langner. Es sei ein Unding, dass es im innerstädtischen Bereich immer noch Stellen gibt, an denen Radfahrer Schritt fahren oder schieben müssen. „Wir müssen sie genauso als Verkehrsteilnehmer wahrnehmen wie die Autofahrer und Fußgänger auch.“

Bert Flöck spricht von einem „Masterplan“, wissend, dass dieser Begriff sehr theoretisch und sperrig daherkommt. „Auf diese Art und Weise kann man eine Prioritätenliste aufstellen und jedes Jahr geplante Maßnahmen umsetzen“, sagt er. Noch immer ist das 2014 beschlossene Radwegekonzept nicht umgesetzt. Dabei ist es dringend nötig, da weiterzukommen, sagt Flöck. Wie weit die beiden Kandidaten bei der Förderung des Radverkehrs gehen würden, ob sie zum Beispiel auch bereit wären, eine Spur in der Bahnhofstraße für die Autofahrer zu schließen, um sie den Radlern zur Verfügung zu stellen, auf diese Nachfrage von Stephanie Mersmann geben die beiden keine Antwort.

Thema ÖPNV: Dringend müssen Bus und Bahn gestärkt werden. In der Stadt sind einfach zu viele Autos unterwegs, konstatieren beide Kandidaten. Die Neuausschreibung der Konzessionen für den Busverkehr im Jahr 2020 wollen beide nutzen, um die Forderungen an den zukünftigen Betreiber klarzumachen: „Der Bus muss attraktiver werden“, sagt Bert Flöck und verweist auf eine bessere Taktung vor allem am Wochenende. „Und er muss billiger werden“, sagt der amtierende Baudezernent. „Letztens Endes müssen eben viele Leute aufs Geld schauen.“ Allerdings, so Flöck, wird es immer Pendler von außerhalb geben, die auf den Pkw angewiesen sind. Ein mögliches Mittel zur zusätzlichen Reduzierung des Autoverkehrs könnten weitere Schienenhaltepunkte zum Beispiel im Verwaltungszentrum sein.

David Langner hat im Wahlkampf die Idee des 2-Euro-Tickets aus den Stadtteilen in die Innenstadt aufgebracht. „Man kann dabei dann auch herausfinden, ob den Menschen der Preis wichtiger ist, oder ob sie den ÖPNV besser nutzen, wenn alle zehn Minuten ein Bus fährt“, so der derzeitige Staatssekretär. Im Übrigen gebe es auch Anregungen vonseiten der Industrie- und Handels- und der Handwerkskammer, das Semesterticket auf Azubis auszuweiten, ebenso wie das Jobticket.

Wohnraum – das ist ein weiteres dringendes Problem in Koblenz. Langner und Flöck sprechen beide das Thema Konversionsflächen an, also die Umwandlung bisher militärisch genutzter Flächen. Jüngstes Beispiel ist die geplante Bebauung des Fritsch-Kasernen-Areals. Bei diesem Projekt soll erstmals der Investor verpflichtet werden, 20 Prozent der Wohnungen als Sozialwohnungen mit einer Mietpreisbindung anzubieten.

Aber die Stadt will auch selbst aktiver werden: Die Wohnbau soll die Möglichkeit bekommen, auf städtischen Grundstücken günstigere Wohnungen zu bauen, erklärt Bert Flöck und nennt als Beispiele unter anderem das Gelände zwischen Stein- und Blücherstraße. Außerdem gibt es ein Umdenken in der Stadt: Nachdem jahrelang keine neuen Baugebiete ausgewiesen wurden, soll dies wieder ermöglicht werden, denn auch der Bedarf an Bauland ist groß. Langner nickt, das sieht er genauso.

Elektromobilität, Bürgernähe, Beschleunigung von Entscheidungen, Vernetzung der Verwaltung – einige Themen werden an diesem Abend angerissen, die meisten zeigen keine tiefe Kluft zwischen den beiden Kontrahenten. Zum Abschied schütteln sie sich die Hände. Am Sonntagabend wird einer von beiden zum neuen Oberbürgermeister gewählt werden und am 1. Mai 2018 sein Amt antreten. Wer das sein wird, das ist noch völlig offen. 

Wie gut "verkaufen" sich die beiden Kandidaten?

Koblenz. Während die anderen Zuhörer bei der Diskussion im RZ-Druckhaus den Worten der beiden Kandidaten lauschen, legt Bernd Mühlberger zusätzlich sein Augenmerk auf andere Dinge: Wie sind die Kandidaten gekleidet, wie sitzen sie da, wie authentisch wirken ihre Gestik und ihre Ausdrucksweise? Und der Coach und Rhetoriktrainer kommt zu dem Schluss: Beide „verkaufen“ sich gut.

Aber Bert Flöck kann bei ihm noch ein wenig mehr punkten als David Langner. „Das kann auch daran liegen, dass ich eher ein konservativer Mensch bin“, sagt der Vallendarer und meint das nicht politisch. „Auch wenn das eine Kleinigkeit ist: Das mit den Ringelsocken von Herrn Langner hat mir zum Beispiel nicht gefallen.“

Beiden Kandidaten merkt man an, dass sie rhetorisch geschult sind, sagt Mühlberger und sieht das positiv. „Denn sie finden das richtige Maß. Es kommt ja immer darauf an, wie man etwas anwendet. Wenn also zum Beispiel jemand gelernt hat, den Gegenüber bei seinem Namen zu nennen und das in einem kurzen Gespräch zehnmal tut, ist es Unsinn. Aber beide haben das richtige Fingerspitzengefühl.“

Bernd Mühlberger (76) ist selbstständiger Rhetoriktrainer. Der Vallendarer, der zunächst als Wirtschaftsingenieur tätig war und sich dann auf Finanzberatungen und Coaching spezialisiert hat, hat gemeinsam mit uns die Diskussion verfolgt und die Kandidaten beobachtet.

Wenn Langner von „Demut und Respekt“ vor dem Amt des Oberbürgermeisters spricht oder Flöck sagt, „Egal wie, ich werde die Entscheidung der Wähler akzeptieren“, dann seien das natürlich Floskeln, sagt Mühlberger. „Aber sie müssen das sagen, das ist schon in Ordnung.“ Auch die Gesten passen zur Auftrittsweise, urteilt der Coach, nicht zu viel, nicht zu wenig. Zumindest meistens. Nur wenn Langner ins Publikum blickt und dabei die Augen auf eine spezielle Art aufreißt, das wirkt gekünstelt, findet der Coach.

Wenn David Langner mit übereinandergeschlagenen Beinen da sitzt und auch mal die Arme vor der Brust verschränkt, würden sicher manche Beobachter Abwehrhaltung in die Körpersprache hineininterpretieren. Mühlberger ist in diesem Punkt nicht streng: „Das ist manchmal einfach bequemer, das würde ich nicht überbewerten.“

Vorteile sieht Mühlberger dagegen auf Flöcks Seite in Sachen Argumentationen und damit auch Kompetenz: „Bei den konkreten Antworten merkt man, dass sich der Kandidat mit der Materie gut auskennt“, sagt der Vallendarer und verweist auf Beispiele beim Thema Wohnungsbau. Aber auch da habe Langner sich nicht schlecht geschlagen: „Er sagt dann, er müsse sich da reinarbeiten, und das ist ja auch logisch.“

Von unserer Redakteurin Doris Schneider

Koblenz
Meistgelesene Artikel
Suche >