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Koblenz

Wahlkampf im Forum: AfD-Chef droht Kanzlerin mit Gerichtsprozess

Hartmut Wagner 12.08.2017, 00:23 Uhr

Wenn AfD-Chef Uwe Junge im Kulturbau von Koblenz Wahlkampf für die Bundestagswahl macht, sieht das so aus: Er steht am Rednerpult vor gut 150 Zuhörern, droht Kanzlerin Angela Merkel mit einem Gerichtsprozess wegen Landesverrat und fordert sein Publikum auf, stolze Deutsche zu sein.

Draußen vor der Tür herrscht Ausnahmezustand: Dutzende Demonstranten brüllen hinter Absperrungen: „AfD! Rassistenpack!“ Und: „Ihr habt den Krieg verloren!“ Sie pfeifen und kreischen ohrenbetäubend. Jeder, der zur Parteiveranstaltung ins Foyer des Gebäudes will, muss an ihnen vorbei und sich beschimpfen lassen. Polizisten passen auf, dass die Lage nicht eskaliert.

Bei der Wahlkampfveranstaltung der AfD am Freitagabend prallten zwei Welten aufeinander: Im Kulturbau inszeniert sich Uwe Junge als Anführer der einzig wahren Oppositionspartei in Deutschland – gemeinsam mit Thomas Damson (AfD-Bundestagskandidat im Wahlkreis Koblenz), Sebastian Münzenmaier (AfD-Spitzenkandidat in Rheinland-Pfalz) und Beatrix von Storch (AfD-Bundesvize). Junge und Münzenmaier behaupten fast unisono: Die AfD ist die einzige Partei in Deutschland, die Politik für das eigene Volk machen will. Junge beschimpft die Demonstranten als vaterlandslose Gesellen, Münzenmaier diffamiert andere Parteien als linksgrüne Deutschlandabschaffer. Über den Köpfen aller Redner wird das Motto des Abends an die Wand projiziert: „Hol dir dein Land zurück!“

Sprühsahne wird beschlagnahmt

Vor dem Kulturbau stehen überwiegend junge Menschen, die mit Transparenten vor Rassismus und Faschismus warnen. Sie werfen Konfetti auf Gäste der Veranstaltung und brüllen sich die Seele aus dem Leib, sobald die Schiebetür zum Foyer des Kulturbaus aufgeht – und der Lärm die Veranstaltung stören kann. Die Sicherheitskräfte beschlagnahmen eine Flasche Sprühsahne und einen Tortenboden – möglicherweise sollten damit AfD-Politiker beworfen werden. Und sie verweigern einem Mann den Zutritt, der einen großen Rucksack dabei hat, darin angeblich einen Totschläger versteckt hat und sich weigert, den Rucksack zu öffnen.

Massive Kritik an Merkel

Uwe Junge liebt die Provokation und genießt den Beifall im Saal. Der AfD-Chef, der im 1400-Einwohnerort Mertloch wohnt, beschimpft die Demonstranten erst als rot-grüne Mischpoke und erklärt kurz darauf, Koblenz sei sein Wohnzimmer. Dann verliest er langsam den Amtseid der Bundeskanzlerin und behauptet, sie habe dagegen sechsmal verstoßen – ohne dies genauer zu begründen. Er denkt laut darüber nach, dass die Kanzlerin möglicherweise die Absicht habe, „ein funktionierendes Gemeinwesen wie unsere Bundesrepublik Deutschland bewusst zu zerstören“. Und er droht ihr: Wenn dies zutreffe, müsse man sie und andere Verantwortliche eines Tages vor Gericht stellen.

Beatrix von Storch ist in ihrem Redebeitrag deutlich gemäßigter als Junge. Sie referiert Nachrichten der vergangenen zehn Tage, die aus ihrer Sicht kurios, widersprüchlich oder skandalös sind. Nach ihrem gut 30-minütigen Vortrag fragt sie in den Saal: Sind wir die Irren oder die?

Von unserem Chefreporter Hartmut Wagner

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