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Kitas schlagen Alarm: Personalmangel hat drastische Auswirkungen

Raphael Markert

Jedes Mal, wenn Katrin Nell am frühen Morgen vor der Tür der evangelischen Kindertagesstätte am Andernacher Schillerring steht, steigt das Unbehagen in ihr auf. Denn immer öfter muss die Kita-Leiterin dort Eltern bitten, ihre Sprösslinge kurzfristig direkt wieder mit nach Hause zu nehmen. „Eine wirklich sehr unangenehme Situation“, sagt Nell. Doch sieht sie sich an manchen Tagen zu diesem Schritt gezwungen – ein Alarmsignal: Denn ihrer Einrichtung fehlt es an Personal. Und weitere Kitas in Andernach berichten von ähnlichen Problemen.

Katrin Nell, Leiterin der Evangelischen Kindertagesstätte am Schillerring in Andernach, sucht händeringend nach qualifiziertem Personal. Mehrmals im Jahr muss sie Eltern bitten, ihre Kinder nicht in die Einrichtung zu bringen, weil die Personaldecke zu dünn ist.
Sascha Ditscher

Ganze sechs Mal pro Jahr, schätzt Nell, muss sie die Eltern inzwischen bitten, ihre Kinder – sofern kein absoluter Notfall vorliegt – nicht in der Einrichtung abzugeben. Dazu kommen gestrichene Ausflüge, entfallende Einzelförderungen, gecancelte Musikangebote, teils zusammengelegte Gruppen und immer wieder gesperrte Turnräume. Schuld an der Misere ist die dünne Personaldecke, berichtet Nell: „Wir müssen immer alle Stellen besetzt haben, um reibungslos zu laufen – also auch Krankheitsausfälle müssten wir sofort mit einer Aushilfe kompensieren.“

Tatsächlich aber findet sie nach eigenen Angaben kaum noch qualifiziertes Personal, zudem ist in der Kita Schillerring die Stelle der Fachkraft für interkulturelle Arbeit seit Monaten vakant. Die Stelle ist eigentlich für die Betreuung und Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund vorgesehen. Die Frage nach ihrem Bedarf wird jedes Jahr vom Jugendamt neu geprüft und wird somit auch neu besetzt. „Das ist eine Stelle, die somit immer auf der Abschussrampe und deshalb auch sehr unattraktiv für Bewerber ist. Dabei haben wir gerade viele Kinder mit Migrationshintergrund aufgenommen“, sagt Nell. „Bei der dünnen Personaldecke ist auch die Sprachschulung schwierig leistbar – trotz externer Sprachförderungskräfte.“

Ihre Kollegin Bianca Pehlivan-Alt von der evangelischen Kindertagesstätte an der Läufstraße berichtet ähnliches: Noch sind in ihrer Einrichtung theoretisch zwar alle Stellen besetzt, im Krankheitsfall oder bei Schwangerschaften ihrer Mitarbeiterinnen hat sie aber dieselben Probleme wie Nell. Beide müssen mehrmals in der Woche Zeit in die Kinderbetreuung investieren, die eigentlich für Leitungsaufgaben reserviert wäre. „Wir springen überall ein, wo es brennt – das bekommt man dann natürlich an anderen Stellen zu spüren, wo sich die Arbeit stapelt“, sagt Pehlivan-Alt, die ebenfalls immer wieder tagesweise Eltern bitten muss, ihre Kinder nicht in der Einrichtung abzugeben.

Ab Sommer sucht sie eine Elternzeitvertretung in der Kita – ebenfalls eine befristete Stelle. „Die Bewerbungen kommen nur schleichend und entweder von unqualifizierten oder schlecht qualifizierten Kräften mit einem Lebenslauf von Tausenden Stationen“, berichtet die 43-Jährige, die die Einrichtung seit zwei Jahren leitet. „Es ist fast kein gutes Personal mehr auf dem Markt, denn die gut Qualifizierten bewerben sich auf unbefristete Stellen und bekommen sie auch. Das ist die Krux für uns.“

Für die Kita-Leiterinnen ist klar: Auf lange Sicht bedeutet der Personalengpass für die betreuten Kinder weniger Förderung und dafür mehr bloße Verwahrung. „Wenn das so weitergeht, steuern wir in Richtung Verwahranstalten der ehemaligen DDR“, warnt Nell eindringlich.

Nicht zuletzt sehen sie und ihre Kollegin dafür die aktuelle Rechtslage verantwortlich: Seit 2013 räumt ein Gesetz nämlich den unter Dreijährigen einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ein, der entweder durch eine Tagesmutter oder einen Kitaplatz gedeckt werden kann. Für Kindertagesstätten bedeutet das seit Jahren eine erhöhte Belastung bei einer dünnen Personaldecke. Dass dieses Gesetz einer der Hauptgründe für den Fachkräftemangel in der Kinderbetreuung ist, räumt auch die Stadt Andernach ein: „Der Fachkräftemangel ist ein Problem, das alle Kitas von allen Trägern trifft“, sagt Gudrun Kapp, stellvertretende Jugendamtsleiterin in Andernach, im RZ-Gespräch. Sie erklärt: Aktuell habe sie Kenntnis von vier nichtstädtischen Einrichtungen mit Personalmangel in Andernach, in den acht Kitas unter Trägerschaft der Stadt könne man dagegen noch alle Ansprüche erfüllen und selbst gesetzte Standards halten. „Allerdings werden noch in diesem Jahr bei uns fünf Stellen vakant“, sagt Kapp. „Es könnte uns passieren, dass wir diese Stellen so schnell nicht mehr besetzen können.“ Für die Stadt Andernach sei das ein Problem, auf das man unter Umständen mit einem „angepassten Angebot“ reagieren müsse. Konkretisieren will die stellvertretende Jugendamtsleiterin dies allerdings noch nicht.

Was ein solcher Angebotszuschnitt konkret bedeuten kann, zeigt der aktuelle Fall einer evangelischen Kindertagesstätte in Koblenz: Hier schaffte die Leitung wegen Personalmangels kurzerhand den Mittagsschlaf für Kinder über drei Jahren ab. Eltern reagierten entsetzt. Für die Leiterinnen der evangelischen Kitas in Andernach kommt ein solcher Schritt nicht infrage. Trotzdem machen auch sie sich Gedanken, wie auf den immer akuteren Personalengpass zu reagieren ist – zumal eine Lösung aktuell nicht in Sicht zu sein scheint: „Inzwischen kommen immer weniger junge Leute überhaupt auf die Idee, den Erzieherberuf zu ergreifen“, sagt Nell. „Wo wir im Januar früher zehn Bewerbungen hatten, haben wir heute zwei, eine oder null.“

Die Ausbildung zur Erzieherin dauert fünf Jahre und beinhaltet vier reine Schuljahre und ein Praktikumsjahr, wobei die ersten Lehrjahre üblicherweise nicht entlohnt werden. „Da braucht man sich nicht zu wundern, dass der Beruf immer unattraktiver wird – in fünf Jahren kann man ja auch studieren“, meint Nell. Allerdings ergreife man einen solchen Beruf auch vor allem aus Berufung und Leidenschaft, sagen die Kita-Leiterinnen – doch in diesen Zeiten falle es ihnen schwer, die Werbetrommel für ihn zu rühren.

Von unserem Mitarbeiter Raphael Markert

Mayen-Andernach
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