++ 23:39 Druck auf Trump: CIA sieht Kronprinzen hinter Tod Khashoggis
Aus unserem Archiv
Kreis Neuwied

Die Furcht vor "Kinderansprechern": Wie groß ist die Gefahr wirklich?

Erst kürzlich kursierten wieder Warnungen vor sogenannten Kinderansprechern im Großraum Koblenz/Neuwied im Netz. Wir haben mit der Polizei darüber gesprochen: Wie schätzt die die Gefahr ein? Und wie findet sie solche Warnungen?

Für Eltern eine Horrorvorstellung: Ein Kind steigt zu einem Fremden ins Auto (Symbolfoto).
picture alliance / Ralf Hirschbe

Es ist der Albtraum vieler Eltern: Das eigene Kind wird von einem Fremden angesprochen, weggelockt und belästigt – wenn nicht sogar noch Schlimmeres. Aus diesem Grund reagieren Mütter und Väter auch oft sensibel, wenn sie die Nachricht erreicht, dass in der Umgebung ein sogenannter „Kinderansprecher“ sein Unwesen treibt. Momentan werden wieder eifrig solche Meldungen auf Facebook geteilt – manche davon sind aktuell, andere beziehen sich auf ältere Fälle. So gut es die Menschen vielleicht auch meinen, wenn sie Informationen dieser Art teilen: Die Polizei hält wenig davon.

„Wichtig ist, dass Eltern nicht unkontrolliert Meldungen vom Hörensagen weitergeben sollten. So entstehen vermeidbare Gerüchte und oft eine Hysterie“, heißt es auf eine Anfrage an die Polizeidirektion Neuwied. Neben Falschmeldungen, die gezielt gestreut werden, können Sachverhalte durch Kommentare auch verfälscht und für politische Zwecke missbraucht werden. Wer selbst eine Warnung ausspricht, läuft Gefahr, Urheber eines Shitstorms zu werden und Persönlichkeitsrechte Unschuldiger zu verletzen.

Der erste Schritt sollte immer der Kontakt zur Polizei sein. In den vergangenen eineinhalb Jahren wurden innerhalb der Polizeidirektion Neuwied 16 Fälle bearbeitet, die in Verbindung mit „Kinderansprechern“ zu bringen sind. In mehr als der Hälfte der Fälle konnten die Verdächtigen ermittelt werden. So fiel im Mai beispielsweise in Neuwied ein Mann auf, weil er mehrfach versucht hatte, Kontakt mit Kindern aufzunehmen – in diesem Fall hatte die Polizei selbst eine Warnung an Eltern, Lehrer und Betreuer herausgegeben.

Was die Polizei zum Sensibilisieren der Kinder rät

Zwischen Sensibilisieren und Ängstigen ist es ein schmaler Grat – deshalb rät die Polizei Eltern in Sachen Kinderansprecher:
- Kinder brauchen einfache Regeln und klare Absprachen. Das gilt für den Schulweg (Wo darf das Kind langgehen und mit wem?), aber auch für das Mitnehmen im Auto oder Abholen von der Schule (Wer darf das?).
- Kinder gemeinsam zur Schule laufen lassen.
- An Absprachen halten: Beim Abholen auf Pünktlichkeit achten und Ausnahmen vermeiden.
- Auf realitätsnahe Rollenspiele sollte verzichtet werden.
- Berichtet das Kind von einem verdächtigen Vorfall, gilt es, besonnen und überlegt zu reagieren: Loben Sie das Kind dafür, dass es sich Ihnen anvertraut hat. Stellen Sie in ruhigem Tonfall offene Fragen über den Ablauf der Geschehnisse. Will das Kind nicht weitersprechen, sollte das akzeptiert werden. Bohrende Fragen könnten das Kind überfordern.
- Vorfall mit den in Erfahrung gebrachten Details der Polizei melden.
- Auf eine „Informationsverbreitung“ via sozialer Netzwerke sollte verzichtet werden.
- Keine Namensschilder auf der Außenseite von Rucksäcken und Schulranzen anbringen, denn wird ein Kind mit Namen angesprochen, suggeriert das Vertrautheit. cno

In den allermeisten Fällen, so heißt es vonseiten der Polizei, haben die Vorfälle jedoch einen harmlosen Hintergrund. „Meistens handelt es sich bei dem angeblichen Kinderansprecher um ,normale' Lebenssachverhalte, die sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen falsch interpretiert werden.“ Auch wenn Fremde Personen Kindern oft Angst einjagen: Eine Gefahr geht von ihnen sehr selten aus, wie die Polizei betont. Viel häufiger werden Kinder Opfer von Menschen, die sie kennen: „Der Missbrauch liegt in 85 bis 90 Prozent der Fälle im Umfeld der Kinder“, so die Polizei. Deshalb ist es umso wichtiger, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken.

Frühzeitig lernen, Nein zu sagen, ist aus Sicht von Gabriele Jung-Sterz, der Vorsitzenden des Kinderschutzbundes Neuwied, unerlässlich. Ein Problem, das vielen Eltern gar nicht bewusst ist: „Von den Kindern wird oftmals erwartet, dass sie schön brav sind und alles machen, was man ihnen sagt, und auf der Straße sollen sie sich dann plötzlich widersetzen.“ Die eigenen Kinder für Gefahren zu rüsten, ist deshalb ein schwieriges Unterfangen. Dabei werden Eltern aber nicht allein gelassen. Trainingskurse wie „Starke Eltern – starke Kinder“ (Kinderschutzbund) oder Angebote von Kampfsportschulen gibt es eine ganze Reihe in Stadt und Kreis Neuwied. Hinzu kommt die Thematisierung in Kitas und an Schulen. An der Friedrich-Ebert-Schule in Neuwied bringen beispielsweise Theaterpädogen das Thema Missbrauch schon in die ersten und zweiten Klassen. Schulleiterin Christine Stauder: „Den Kindern wird dort Selbstbewusstsein vermittelt und spielerisch Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt.“ Das Theaterstück wird auch im Unterricht aufgegriffen, und die im Vorfeld informierten Eltern bekommen Tipps an die Hand.

Für die Angebote an der Schule gibt es laut Stauder keinen speziellen Auslöser: „Wir wollen nur, dass die Kinder aufgeklärt sind.“ In den 25 Jahren, die sie an der Schule in Oberbieber ist, gab es ihren Aussagen zufolge noch keinen kritischen Fall – und das, obwohl der Hof frei zugänglich ist. Personen, die sich auffällig verhalten haben, gab es zwar, doch durch direkte Ansprache konnte bisher noch jede Situation geklärt werden. Stauder sagt: „Wir halten immer die Augen offen.“

Von unserer Redakteurin Christina Nover

Neuwied Linz
Meistgelesene Artikel
Suche >