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Therapie mit Kettensäge – Warum Gabriele von Lutzau nach Mogadischu kein Engel mehr sein will

Dirk Eberz 06.10.2017, 20:54 Uhr

Der 18. Oktober 1977 ist für Gabriele Dillmann unerträgliche Hitze und quälender Durst. Todesangst. Das Gefühl der Ohnmacht. Seit fünf Tagen ist die Stewardess in den Händen palästinensischer Terroristen, die in Palma de Mallorca eine Lufthansa-Maschine gekapert haben. Nach einer Odyssee über Dubai und Aden kocht die „Landshut“ im Glutofen der somalischen Wüste. Mogadischu.

Auf bis zu 50 Grad heizt sich die Kabine auf. Auch nachts. Längst sind die Toiletten verstopft. Der Gestank nach Urin, Kot und Schweiß ist entsetzlich. Um 2 Uhr nachts hat sich die 23-Jährige tief in ihren Sitz gekauert.

Gabriele Dillmann kann nicht ahnen, dass sich im Schutz der Dunkelheit ein schwer bewaffnetes Kommando der Eliteeinheit GSG 9 unter Führung von Ulrich Wegener aus dem toten Winkel an die Maschine heranschleicht. Die Nerven sind bis zum Zerrreißen gespannt. Aktion „Feuerzauber“. Vorsichtig werden Leitern an Türen und Tragflächen geschoben. Dann gibt Wegener den Einsatzbefehl. Blendgranaten blitzen vor dem Flugzeug auf. Für wenige Sekunden sind die Entführer im Cockpit blind. In der Zwischenzeit hat die Sturmtruppe die Schlösser geöffnet. Jahrelanges Training. „Ich habe nur ein Klicken gehört“, erinnert sich die heute 63-Jährige. „Dann brüllte ein Mann: Köpfe runter! Wo sind die Schweine?“ Die Stewardess duckt sich weg. Schreie. Schüsse. Chaos. „Mehr habe ich nicht mitbekommen“, sagt sie. „Aber ich wusste, dass das unsere Männer sind.“

Ein wildes Feuergefecht entbrennt. Mann gegen Mann. Einem Terroristen gelingt es noch, eine Plastikhandgranate zu werfen. Sie rollt direkt vor die Füße von Gabriele Dillmann. „Etwas explodierte.“ Splitter treffen sie im Bein. „Dann habe ich meinen Fuß bewegt. Die Zehen schienen noch dran zu sein. Hauptsache lebendig.“ Trotz Verletzung schafft sie es über die Tragfläche nach draußen. Nur weg. „Rennen, rennen, rennen.“ Schließlich wirft sie sich in eine Kuhle. „Die war voller Kakteen“, erinnert sie sich. „Das hat ziemlich gepikst.“ Egal. Die 23-Jährige ist gerettet, hat überlebt.

Ex-Geiseln der Landshut sind zur Schicksalsgemeinschaft geworden

Es sind diese fünf Tage im Deutschen Herbst, in denen die junge Frau wider Willen zur Person der Zeitgeschichte wird. An der Stewardess haben sich die Passagiere aufgerichtet. Die „Bild“ wird ihr deshalb den Namen „Engel von Mogadischu“ verpassen, der ihr bis heute anhaftet. Gabriele von Lutzau, wie sie heute heißt, rollt mit den Augen. Es mag weniger schmeichelhafte Attribute geben. Aber Gabriele von Lutzau will kein Engel sein. „Ich bin vielschichtig wie eine Zwiebel“, sagt sie.

Und doch wird sie immer wieder von der Vergangenheit eingeholt. Vor allem an den Jahrestagen. Auch in diesem Herbst werden sich viele Überlebende der „Landshut“ treffen, die der Deutsche Herbst zur Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweißt hat. Ulrich Wegener, der mit dem Nimbus des „Helden von Mogadischu“ gut leben kann. Co-Pilot Jürgen Vietor. Wohl auch die damals 19-jährige Passagierin Diana Müll. Und die Männer der GSG 9 natürlich.

Längst nicht alle der Geiseln von 1977 pflegen dieses Ritual. Zu schmerzhaft ist die Erinnerung. Viele sind daran regelrecht zugrunde gegangen. „Ich kenne einige, die sich zu Tode gesoffen haben“, sagt die 63-Jährige. Auch eine Ehe soll zerbrochen sein. „Ein Mann hat seiner Frau im Flieger das Wasser weggetrunken.“ Ein Scheidungsgrund. Diana Müll wird sich wenige Jahre nach „Mogadischu“ die Haare ausreißen, leidet unter Verfolgungswahn. Bis sie sich von einem Therapeuten behandeln lässt. Auf eigene Kosten.

„Wir wurden ja nicht therapiert“, empört sich Gabriele von Lutzau, die selbst zeitweise Symptome von Belastungsstörungen zeigt. „Ich habe ständig Flugzeuge am Himmel explodieren sehen“, sagt sie. Ihren Traumberuf als Stewardess hat sie direkt nach der Entführung gekündigt. „Früher war Fliegen für mich ein Fest, heute nicht mehr.“ Immer noch schaut sie sich jeden Passagier genau an. Doch sie leidet nicht mehr. „Ich bin sehr stabil“, betont sie, „wie ein Bambusrohr. Das drücken Sie runter, und es flippt immer zurück.“

Und dann ist da die Kunst, die der Bildhauerin hilft, Mogadischu zu verarbeiten. Den Dämonen von 1977 rückt sie mit schwerem Gerät zu Leibe, um sie zu bändigen. Mit Kettensäge und Flammenwerfer. Martialisch. Verstörend. Dann ist Gabriele von Lutzau kein blonder Engel mehr. „Sonst würde ich wohl süße Kätzchen formen“, sagt sie und lacht. Zur Kettensäge kommt die Künstlerin nach einem Unfall in Neuseeland, bei dem sie sich das Handgelenk bricht. Für den Stechbeitel fehlt nun die Kraft. „Dann habe ich eben im Blüschen gesägt.“ So kann sie schnell große Skulpturen aus Holz schaffen.

Es ist eine skurrile Beziehung, die sie zu ihrem Werkzeug pflegt: „Die Kettensäge ist nicht meine Freundin, sie ist ein wildes Tier“, sagt sie. Und der Flammenwerfer? Da wird es noch makabrer. Als Gabriele von Lutzau eine Thuja-Pflanze von einem Friedhof zum Bearbeiten in ihr Atelier transportiert, macht sie eine schaurige Entdeckung. In den Wurzeln hängen Knochen. Dann kommt der Flammenwerfer zum Einsatz. „Feuer reinigt“, erklärt die 63-Jährige ihre etwas schräge Philosophie. „Dann sind Himmel und Erde versöhnt.“ Seither sägt und flambiert die Künstlerin Seelenvögel und Wächterfiguren. Die Skulpturen erzählen von Freiheit und Liebe, von Aufbruch und Schutz. Botschaft: leben und überleben. Inspiriert wird die Künstlerin 2001, als Menschen aus den brennenden Zwillingstürmen in New York in die Tiefe stürzen. „Ich habe ihnen so sehr Flügel gewünscht“, sagt sie. Der Anschlag lässt alte Narben wieder aufreißen. Mittlerweile stellt Gabriele von Lutzau weltweit aus. Schanghai. New York. Zuletzt in Bayreuth. Bis zu 60.000 Euro kosten die Werke. Die 63-Jährige kann von ihrer Kunst leben. „Das warme Süppchen kriege ich dann bei meinem Mann.“ Mit ihrer Biografie geht sie dabei nicht hausieren. „Ich lebe nicht in der Vergangenheit. Ich bin kein Opfer.“ Damals nicht und heute nicht.

Nur zweimal, da droht sie zu brechen. Als die Terroristen die Geiseln mit den Strumpfhosen der Passagierinnen fesseln, mit Alkohol überschütten und drohen, sie anzuzünden. „Da schließt man schon mit seinem Leben ab.“ Und in dem Moment, in dem Mahmud, der Kopf der Entführer, Flugkapitän Jürgen Schumann kaltblütig erschießt. Der Chefpilot und die Stewardess haben sich gut verstanden. „Er nannte mich Benjamin, ich ihn Daddy“, erinnert sie sich. Nun kippt Schumann tot nach vorn auf den Gang. „Ich stand direkt daneben“, sagt sie. Die schrecklichen Bilder verfolgen sie immer noch. „Da bin ich in Tränen ausgebrochen, habe ich die Kontrolle verloren.“ Jetzt müssen die Passagiere sie trösten. Co-Pilot Vietor wird mit vorgehaltener Waffe gezwungen, aus Aden abzuheben, obwohl die Maschine bis zu den Achsen im Sand steckt. Ein Himmelfahrtskommando. „Die Triebwerke wurden heiß“, erinnert sich Gabriele von Lutzau. „Aber die Maschine hat durchgehalten.“

Die „Landshut“. Eigentlich nur noch ein Haufen Aluminiumschrott, der jahrelang im tropisch-schwülen Fortaleza vor sich hin rottete. Für Gabriele von Lutzau ist sie aber mehr als ein Wrack. „Sie ist wie eine alte Freundin, die etwas heruntergekommen ist“, sagt sie. Fast schon mit zärtlicher Zuneigung. „Immerhin hat sie mir das Leben gerettet.“ Im Frühjahr ist die 63-Jährige nach Brasilien gereist, um sich dafür einzusetzen, dass die Maschine nach Deutschland zurückgeholt wird. Geschichte zum Anfassen, findet sie. „Die Maschine ist doch ein Symbol dafür, dass der Staat nicht erpressbar ist.“ Sie hat Erfolg. Jetzt wird sie im Dornier-Museum Friedrichshafen eine neue Heimat finden.

Gabriele von Lutzau hat ihre Tochter nach Südamerika mitgenommen. Nicht nur als Fotografin. Es ist auch das erste Mal, dass sie sich mit der Biografie ihrer Mutter auseinandersetzt. Denn der Deutsche Herbst ist in der Familie tabu. „Ich wollte meine Kinder nicht mit grausigen Details belasten.“ Erst jetzt sieht sich die junge Frau alte Filme von Gabriele von Lutzau an. Es wird viel gelacht. Die Frisur. Die Kleider. „Das war eine schöne Mutter-Tochter-Geschichte“, sagt sie. Bedrückend. Aber mit Happy End.

Freund macht der Stewardess nach dem Drama einen Heiratsantrag

Denn Mogadischu ist für die von Lutzaus auch ein Stück Familiengeschichte. Während ihres Irrflugs durch die halbe arabische Welt wird die „Landshut“ verfolgt. Von der GSG 9. Und von einer Regierungsmaschine mit Krisenmanager Hans-Jürgen Wischnewski an Bord. Der legendäre „Ben Wisch“. Im Cockpit sitzt Gabriele Dillmanns neuer Freund. „Wir waren drei Monate zusammen und total verknallt“, erinnert sie sich. Rüdiger von Lutzau hat sich freiwillig als Co-Pilot gemeldet, als er von der Entführung erfährt. „In der ,Landshut' ist doch meine Gabi.“

Doch davon ahnt die Stewardess nichts. „Wir dachten, dass wir komplett vom Radar verschwunden sind“, sagt sie. In ihrer Verzweiflung wird sie ihren berühmten Appell an Kanzler Helmut Schmidt über Funk richten. Aus dem Stegreif, wie sie betont. „Ich möchte sagen, dass es das Versagen der deutschen Regierung ist, dass wir sterben müssen“, sagt sie. „Bitte sagen Sie meinem Freund, dass ich ihn sehr liebe, und sagen Sie meiner Familie, dass ich sie liebe.“ Rüdiger von Lutzau hört hilflos mit.

Es wird noch viele quälende Stunden dauern, bis sie sich in der Flughalle von Mogadischu wiedersehen. „Und dann stand er da und machte mir einen Heiratsantrag“, erinnert sie sich. Wenig später wird er die Prozedur im Restaurant wiederholen. „Er nahm Blumen aus der Deko und fiel vor mir auf die Knie.“ Vielleicht etwas überfallartig, aber erfolgreich. Die 23-Jährige sagt „Ja, ja.“ Und so wird Gabriele Dillmann zu Frau von Lutzau. Eine filmreife Szene. Liebe hat über den Hass gesiegt.

Beim Zugriff kommt keine Geisel zu Schaden. Ein GSG 9-Mann wird leicht verletzt. Drei Terroristen werden erschossen. Nur Souhaila Andrawes wird mit Victory-Zeichen aus dem Flugzeug getragen. „Ein Miststück“, sagt Gabriele von Lutzau. „Als Schumann erschossen wurde, biss sie genüsslich in einen Apfel.“ Ihr Urteil über den Kopf der Entführer fällt kaum gnädiger aus. Immer wieder muss sie vor Mahmud niederknien. Dann schlägt er ihr mit dem Pistolengriff auf den Kopf, beschimpft sie als Jüdin. „Ein Arschloch, das seine sadistischen Träume ausgelebt hat.“ Verzeihen kann Gabriele von Lutzau auch nach 40 Jahren nicht. Da bleibt sie unerbittlich. „Die sollen in der Hölle schmoren.“

Von unserem Politikredakteur Dirk Eberz

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