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Rheinland-Pfalz

Innovationspreis des Landes: Unternehmer zeigen sich erfinderisch

Jörg Hilpert

Die Wirtschaft im Land lebt von den Mittelständlern – und deren Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Um frische Ideen voranzubringen, vergeben das rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerium, die Industrie- und Handelskammern (IHK) sowie die Handwerkskammern (HwK) seit drei Jahrzehnten den Innovationspreis des Landes – eine der ältesten Auszeichnungen dieser Art in Deutschland überhaupt.

Blick in die Produktion der Jennewein Biotechnologie GmbH (Rheinbreitbach): Das Unternehmen hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich der menschliche Milchzucker künstlich herstellen lässt. Die Hersteller von Babynahrung reißen sich danach.
Jennewein

Bei der diesjährigen Preisverleihung merkte der Koblenzer IHK-Hauptgeschäftsführer Arne Rössel allerdings kritisch an, dass es die Innovationsstiftung des Landes nicht mehr gibt. 100 Millionen Euro waren dort im Topf – sie wurden umgeschichtet und fließen nun wohl in den Ausbau der Hochschulen. Wirtschaftsstaatssekretärin Daniela Schmitt (FDP) betonte dennoch: „Wo Innovation keimt, wollen wir sie unterstützen.“

Grundsätzlich gilt in vielen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die oft Marktführer in ihrer kleinen Nische sind: Lass dir etwas Gutes einfallen und sprich nicht so viel darüber – damit keiner deine gute Idee abkupfert. Doch der mit insgesamt 40.000 Euro dotierte Preis lockt immer wieder Unternehmer mit spannenden Produkten und Verfahren aus der Reserve. Ausgezeichnet wurden diesmal:

Kategorie Unternehmen: Die Jennewein Biotechnologie GmbH (Rheinbreitbach) hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich der menschliche Milchzucker künstlich herstellen lässt. Bekanntermaßen werden der Muttermilch ganz besondere Eigenschaften zugeschrieben, sie soll das Neugeborene vor Infekten und Entzündungen schützen. Die „humanen Milch-Oligosaccharide“ der Jennewein GmbH können Baby-Ersatznahrung deshalb wesentlich verbessern – entsprechend groß ist das Interesse der Hersteller. Vorstellbar sind künftig auch Anwendungen beispielsweise in der Krebstherapie.

Kategorie Handwerk: Die Kübler GmbH aus Ludwigshafen hat ein Konzept für „Wärme 4.0“ ausgearbeitet. Ihre Infrarot-Heizungen sind darauf ausgelegt, auch hohe Räume wie beispielsweise Gewerbehallen sparsam zu beheizen. Der Clou dabei: Die Heizung sammelt ständig Daten über die Arbeitsprozesse, die in der Halle ablaufen, und lernt daraus, wann sie tatsächlich gebraucht wird. Alle Komponenten des Systems sind miteinander vernetzt.

Kategorie Kooperation: Die Zusammenarbeit der Dinnovative GmbH mit Distelkamp-Electronic (beide Kaiserslautern) hat einen Luftfilter hervorgebracht, der wesentlich mehr kann als bisher vorhandene Geräte. Unter anderem dank einer Kupferbeschichtung filtert er Schadstoffe nicht nur aus der Luft, sondern er vernichtet sie auch direkt. So hat er beispielsweise ein lang anhaltende antibakterielle Wirkung. Der Filter kann auch Formaldehyd biologisch abbauen, er bietet zudem einen Schutz vor Bakterien, Viren und Schimmelpilzen.

Sonderpreis Industrie: Sensitec aus Lahnau/Mainz hat einen Stromsensor entwickelt, der sehr flexibel in industriellen Anwendungen einsetzbar ist – ob bei schwachen oder starken Strömen. Verbaut werden kann der kleine Sensor, der wenig Energie verbraucht und hochpräzise misst, überall dort, wo etwas elektrifiziert wird. Einsetzbar ist er auch in Elektronik mit extrem hoher Leistungsdichte, die etwa bei den Schnellladesäulen für Elektrofahrzeuge benötigt wird. Die innovative Sensorgeneration dürfte also die Elektromobilität voranbringen.

Sonderpreis Innovative Jungunternehmen: Was die Gründer von Veru aus Frankenthal ersonnen haben, konnten die Gäste der Preisverleihung auch gleich probieren: Ein neuartiges Eis am Stiel. Hört sich trivial an, ist es aber nicht. Während Eis am Stiel auf herkömmliche Art und Weise bei minus 30 bis 40 Grad hergestellt wird, arbeitet Veru mit flüssigem Stickstoff und Temperaturen von minus 180 Grad. Durch das beschleunigte Gefrieren werden die Eiskristalle dichter, das Eis schmilzt beim Essen langsamer und fällt auch nicht so leicht vom Stiel, versichern die Gründer. Zudem ist es möglich, mit weniger Sahne und Zucker zu arbeiten. Der Fruchtanteil ist deutlich erhöht, der Geschmack wird intensiver.

Die Jury vergab neben den Preisen auch Anerkennungen an innovative Unternehmen. Die Firma Georg Maschinentechnik (Neitersen, Kreis Altenkirchen) hat ein Gerät entwickelt, das ältere Maschinen fit für die Industrie 4.0 macht. Vereinfacht ausgedrückt, kommuniziert der Edge Data Analyzer mit Mensch und Maschine.

StreeProtec (Marienhausen, Kreis Neuwied) hat in Kooperation mit Philippine Technische Kunststoffe (Lahnstein) einen kostengünstigen Auslaufschutz für Betonmischer entwickelt. Er soll verhindern, dass die Fahrzeuge unterwegs Teile ihrer Ladung auf der Straße verstreuen.

Die KSB AG (Frankenthal) hat ein Pumpenkonzept 4.0 erdacht. Auch hier geht es darum, dass die Geräte miteinander „sprechen“ – mehrere Pumpen können sich so die Arbeit selbst aufteilen.

Und dann wird es wieder sehr lebensnah: Das junge Unternehmen VR Coaster (Kaiserslautern) hat mit der Firma Mack, die hinter dem Europapark steht, ein Headset für den Einsatz auf Achterbahnen entwickelt. Die Grundidee war, mit einer Virtual-Reality-Brille (VR) dem lästigen Schwindel auf der Achterbahn beizukommen. Im Ergebnis ist es jetzt aber sogar möglich, während der Fahrt auf der Achterbahn erweiterte Realitäten einzuspielen – und so etwa den Ritt auf einem fliegenden Drachen durch eine gigantische Fantasiewelt zu simulieren.

Von unserem Redakteur Jörg Hilpert

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