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Rheinland-Pfalz

Von IT bis Honig-Versand: Startups in Rheinland-Pfalz

Der Klischee-Startup-Gründer, der in der Garage anfing, ist hierzulande eher selten. Doch es tut sich viel in Sachen Startups zwischen Westerwald und Pfalz. Es gibt viele Ideen, aber auch so manche Hürde.

Förderbank ISB
Der Firmensitz der ISB-Bank (Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz). Foto: Fredrik von Erichsen/Archiv
dpa

Angefangen hat alles vor dreieinhalb Jahren mit drei Leuten. Mittlerweile kommt die Sapite GmbH aus Mainz auf 25 Mitarbeiter – und will weiter wachsen. Das Unternehmen ist ein klassisches Startup, spezialisiert auf sicherheitskritische IT, insbesondere für den öffentlichen Sektor und die Medizinbranche. Ein schwieriger Markt, in dem man mit Großunternehmen konkurriert, und in dem Produkte hohe Vorinvestitionen verlangen, wie Geschäftsführer Matthias Memmesheimer erklärt. Und doch hat sich die Firma mittlerweile in der Branche etabliert.

„Als junges Unternehmen hat man es zunächst schwer“, erinnert sich Memmesheimer. „Partner und Netzwerke sind das A und O.“ Es gebe zwar reichlich Beratungs- und Förderangebote. Und doch: „Es schenkt einem keiner Geld.“ Die Kapitalbeschaffung sei ein hartes Geschäft, der eigene Businessplan werde von potenziellen Geldgebern auf Herz und Nieren gecheckt. „Und die Angst vor einem Scheitern wird einem nicht richtig genommen.“ Es brauche Mut, zur richtigen Zeit richtige Entscheidungen zu treffen – und man müsse sich der Risiken bewusst sein. Trotzdem ging Memmesheimer bewusst in die Selbstständigkeit, wie viele andere auch in Rheinland-Pfalz.

Ein bedeutender Unterstützer der Startup-Szene ist die Förderbank ISB mit Sitz in Mainz. Sie beteiligt sich in verschiedenen Formen über Tochtergesellschaften an jungen Unternehmen – mit sogenannten offenen oder stillen Beteiligungen. Derzeit ist die ISB über solche Gesellschaften an 138 Unternehmen in irgendeiner Form beteiligt, das Finanzvolumen liegt der Förderbank zufolge bei knapp 72 Millionen Euro. 2017 seien insgesamt 15 Millionen investiert worden, im Schnitt pro Firma 300 000 bis 350 000 Euro. Voraussetzung ist, dass die ihren Sitz oder eine Betriebsstätte im Land hat.

Laut ISB-Vorstand Ulrich Link geht die Zahl der Gründungen zurück, was er auf die gute Lage am Arbeitsmarkt zurückführt. Gleichzeitig steige aber die Qualität der Konzepte von Gründern. Auch im Gründungsmonitor 2017 der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) heißt es, dass es wegen des Beschäftigungsrekords auf dem deutschen Arbeitsmarkt so wenige Gründer wie nie gibt. Bei der Gründungstätigkeit liegt das eher ländliche Rheinland-Pfalz hier im Dreijahres-Durchschnitt von 2014 bis 2016 auf Rang elf der Bundesländer (2013-2015: Platz 9). Allgemein sei die Gründungstätigkeit in Ballungszentren mit ihren kurzen Wegen höher.

Im „Neue Unternehmerische Initiative – Regionenranking“ des Instituts für Mittelstandsforschung von 2016 steht Rheinland-Pfalz unter den Ländern auf Rang sieben, es zeigen sich aber deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Regionen. Rangieren etwa Zweibrücken, Koblenz, Mainz oder die Kreise Ahrweiler und Bad Kreuznach vergleichsweise weit oben, zählt der Kreis Kusel zu den deutschlandweit Schwächsten.

Link von der ISB sieht innerhalb von Rheinland-Pfalz die größte Aktivität in den Oberzentren, als Beispiele nennt er die Uni-Städte Mainz und Kaiserslautern. Der Präsidentin des Bundes der Selbstständigen Rheinland-Pfalz und Saarland, Liliana Gatterer, zufolge hängt viel davon ab, ob eine Kommune eine gute Wirtschaftsförderung hat. „Die meisten haben dafür kein Geld“, sagt sie. Auf dem Land fehle dann teilweise noch schnelles Internet.

Dass so mancher eine Gründung scheut, führt Gatterer auch darauf zurück, was vorgelebt wird. Unternehmerisches Denken müsse früher vermittelt werden. „An Schulen und Hochschulen sollte umgedacht werden“, sagt sie. In Deutschland herrsche oft die Denke, man dürfe nicht scheitern. Sie wünsche sich mehr Risikofreude wie in den USA oder in Großbritannien. Hierzulande sei mit einer Gründung noch immer viel Bürokratie verbunden. „Es ist schon leichter geworden, aber es ist immer noch nicht so, dass man sagen kann: Ich setze mich jetzt hin und schreibe einen Antrag.“

Gestiegen ist die Zahl der Gründernetzwerke. ISB-Mann Link nennt beispielsweise die „Business Angels Rheinland-Pfalz“. Gründer seien heutzutage sehr gut informiert, zeigten sich bei Veranstaltungen und präsentierten möglichen Geldgebern ihre Ideen. „Die Gründerszene hat sich geöffnet“, sagt er. Früher habe man sich damit schwer getan, aus Angst, dass das eigene Konzept geklaut werde. Die meiste Musik spiele gerade bei digitalen und IT-basierten Geschäftsmodellen, aber auch in klassischen Branchen gebe es innovative Konzepte wie neue Trendgetränke oder Gastro-Konzepte.

In der Regel seien unter zehn von der ISB unterstützten Startups zwei „Highflyer“, sagt Link. Also Unternehmen, deren Konzept großen Erfolg hat. Etwa vier würden liquidiert oder gingen in die Insolvenz, die anderen lägen irgendwo dazwischen. „Damit muss man leben.“ Es gebe keine Checkliste, anhand der man Erfolg oder Misserfolg vorhersagen könne. „Da spielt Erfahrung eine große Rolle – und Bauchgefühl.“ Entscheidend für Erfolg sei der Gründer oder das Gründerteam.

Ein Gründerteam aus der Pfalz, das sich bislang komplett eigenfinanziert hat und nicht der klassischen IT-Bude entspricht, besteht aus Lisa Hoffmann und ihrem Freund Fabian Rink aus Landau. Sie schufen einen Online-Honig-Versand namens Imkerglück. Verschickt wird der Honig in robusten Versandtaschen, die direkt im Briefkasten landen können. Der Produzent ist Lisa Hoffmanns Vater, der Imker ist. Früher habe sie oft mit Touristen gesprochen. Die hätten es schade gefunden, dass sie nach einem Urlaub in der Südpfalz nicht von zu Hause an den Honig kommen konnten. So entstand die Imkerglück-Idee.

Die beiden versuchen, vor allem über soziale Medien bekannt zu werden. „Das war schwerer, als wir uns das gedacht hatten“, sagt der 27-Jährige Fabian Rink. In die Kniffe der Werbung über Social Media hätten sie sich vor und nach der Gründung ihres kleinen Unternehmens im Juli 2017 selbst reingearbeitet, mittlerweile wachse ihr Geschäft, das sie im Nebenerwerb betreiben. Hauptberuflich ist Hoffmann (25) im Marketing eines anderen Startups tätig, Rink ist IT-Consultant.

Neulich hätten sie eine Einnahmen-Überschuss-Rechnung für das Finanzamt fertig machen müssen, erzählt Hoffmann. „Damit hatte ich mich vorher noch nie beschäftigt.“ Auch in zahlreiche Regularien wie die Lebensmittelverordnung hätten sie sich reingeschafft, erinnert sich Rink. Im Internet gebe es viel Hilfe etwa in Foren. „Wir möchten natürlich wachsen“, betont Hoffmann. Denkbar sei der Verkauf von Event-Honig, etwa für Weihnachtsfeiern oder Hochzeiten.

Von Christian Schultz (dpa)

Was ist ein Start-up?
Knapp zusammengefasst sind Start-ups junge, innovative Wachstumsunternehmen. Dem Gabler Wirtschaftslexikon zufolge sind sie noch nicht etabliert und werden zur Verwirklichung einer Geschäftsidee mit geringem Startkapital gegründet. Früher bezog sich der Begriff vor allem auf Unternehmen mit einem Fokus auf das digitale Geschäft, heute wird er branchenübergreifend verwendet. Der Deutsche Startup Monitor definiert Start-ups als Unternehmen, die jünger als zehn Jahre sind. Außerdem müssen sie entweder ein innovatives Geschäftsmodell beziehungsweise eine innovative Technik aufweisen oder ein bedeutendes Mitarbeiter- und Umsatzwachstum haben – oder es zumindest anstreben. dpa

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