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Koblenz

Flüchtling Khan A.: Vom Talibankrieger zum Lügenbaron

Hartmut Wagner 12.10.2017, 19:08 Uhr

Ist er ein Taliban-Terrorist, der in Afghanistan bei 50 Hinrichtungen dabei war? Oder ein dreister Lügner, der seine Gotteskrieger-Vergangenheit erfand, weil er glaubte, dann in Deutschland leichter Asyl zu erhalten? Der Afghane Khan A. (21) steht seit Anfang Juli wegen Mitgliedschaft in der Terrororganisation Taliban und Beihilfe zum Mord vor dem Oberlandesgericht Koblenz. Jetzt, am neunten Prozesstag, hat ein Polizist (53) geschildert, wie der Afghane ihm stundenlang von seiner Zeit als Talibankrieger berichtete.

Der Angeklagte Khan A. behauptete erst, ein Talibankrieger gewesen zu sein. Nun sagt er, er hätte sich die Geschichte lediglich ausgedacht, um seine Chancen auf Asyl zu erhöhen. Foto: dpa

Wie er anfangs mit großer Gelassenheit sprach, obwohl er gerade von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei aus dem Schlaf gerissen worden war. Und wie er plötzlich zittrige Hände bekam, als er von seinem Anführer erzählte, der 50 Gegner erhängen, ertränken oder köpfen ließ. 

Das Besondere am Fall Khan A.: Der Afghane legte sein Taliban-Geständnis im Januar auf der Polizeiwache im Eifelstädtchen Prüm ab – widerrief es aber im September vor Gericht. Er ließ seinen Anwalt erklären: „Ich habe gelogen.“ Er habe die Geschichte vom Gotteskrieger Khan A. demnach erfunden, da ihm ein Bekannter in einem Flüchtlingsheim eingebläut hatte, dass man als Talibandeserteur leichter Asyl erhält. Richtig sei aber: Er war nie Talibankämpfer. Er kam als Flüchtling nach Deutschland, weil seine Familie in großer finanzieller Not lebt.

Das Gericht muss nun herausfinden: Wann hat der Afghane gelogen? Bei der Polizei in Prüm? Oder vor Gericht in Koblenz? Die Richter haben zu prüfen, welche Indizien für die eine oder für die andere Variante sprechen.

Darum mussten jetzt einige Zeugen ein zweites Mal im Prozess aussagen: Der Polizist aus Prüm schilderte, dass A. bei seiner vierstündigen Vernehmung genug zu trinken bekam und zwei 30-minütige Pausen. Dass er Kopfschmerzen hatte, aber wohl keine Migräne. Und dass er mit seinem Dolmetscher klarkam, mit ihm alle zehn Seiten des Vernehmungsprotokolls durchlas und unterzeichnete. Ein Ex-Mitbewohner (41) von A. sagte: „Ich wusste von nichts. Hätte ich geahnt, dass A. bei den Taliban war, wäre ich sofort ausgezogen oder hätte ihn angezeigt.“ Der Prozess endet wohl Mitte November.

Von unserem Redakteur Hartmut Wagner

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