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Koblenz

Kaltgestellt im Bundeswehramt? Beamter will endlich Arbeit

Der Arbeitstag von Klaus J. (Name geändert) beim Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) in Koblenz beginnt um Punkt 6 Uhr. Einloggen. Bürotür aufschließen. Computer hochfahren. Dann sitzt der 59-Jährige seine Zeit ab. Stunde um Stunde. Wartet auf E-Mails, die nicht eingehen. Hofft auf Aufträge, die nie kommen. Auch kein Anruf. Ausloggen. Feierabend.

Genau das will der Beamte nicht: Die Füsse hochlegen.
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„Offener Vollzug“, nennt Klaus J. das verbittert. Immerhin den Humor hat er nicht verloren. Die Gesundheit schon. „Ich bin in psychiatrischer Behandlung“, sagt er. Im vergangenen Jahr habe er einen Herzinfarkt gehabt. Nicht wegen zu viel Arbeit, wie die meisten anderen Betroffenen, sondern weil er eben keine hat. „Gar nichts“, sagt der Beamte im mittleren Dienst. Schon ein ganzes Jahr lang hockt er Tag für Tag allein in seinem Zimmer. Zehn Quadratmeter Tristesse mit Blick auf eine Baustelle.

Nun ist es nicht so, dass es beim BAAINBw nichts zu tun gäbe. Im Gegenteil: Gerade erst hat der Bundestag quasi das Füllhorn über der Bundeswehr ausgeschüttet. Für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen gibt's zusätzliche Milliarden Euro. Und auch die Koblenzer rüsten mächtig auf. Die Mammutbehörde, über die die komplette Ausstattung der Bundeswehr von Kampfstiefeln bis zum Transportflugzeug beschafft wird, sucht derzeit händeringend neue Mitarbeiter. 1500 der 11.000 Dienstposten sind unbesetzt. Die Stellenausschreibungen sind lang. Doch Fachkräfte sind rar.

Fachkräfte wie Klaus J. Zeitsoldat, Kfz-Mechaniker, Maschinenbauer. Qualitätsprüfer für Fahrzeuge und Kettenfahrzeuge. Eigentlich ein idealer Lebenslauf. Gerade erst werden 250 eingemottete Leopard-II-Kampfpanzer aufgerüstet. „Das könnte ich mir gut vorstellen“, sagt Klaus J. Aber er sitzt nun in einer anderen Abteilung, für die er sich nicht qualifiziert sieht. „Auf dem Abstellgleis“, sagt er. Nutzlos für die Behörde. Und tief frustriert. Klaus J. fühlt sich gemobbt. „Jeder Gang über den Flur ist wie ein Spießrutenlauf“, klagt er. Ein paar Jahre hätte er noch bis zur Pension. Aber die hält er unter den Bedingungen nicht mehr durch. „Dann kann ich mir ja gleich schon die Holzkiste zimmern“, sagt er zynisch.

Mit dieser Anzeige hat ein Mitarbeiter des Bundesamts für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr für Wirbel gesorgt.

Deshalb hat er jetzt in einem Akt der Verzweiflung eine Stellenanzeige in unserer Zeitung geschaltet. Technischer Beamter (A 11) sucht „wegen mangelnder Beschäftigung neuen Wirkungskreis in Vollzeit“, heißt es darin provokant. Sogar seine Dienstnummer hat er als Kontakt angegeben. „Aber da geht ja ohnehin kein anderer ran.“ Ein Affront gegenüber seinem Arbeitgeber. Das weiß auch Klaus J. „Ich wollte mal am Baum rütteln“, sagt er.

Das hat offenbar funktioniert. Im Haus hat die Anzeige längst die Runde gemacht. Bis in die Leitungsebene. „Die darin zu lesende Aussage, dass Beamte unseres Hauses an Unterbeschäftigung leiden, weisen wir zurück“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme auf Anfrage unserer Zeitung. Angesichts eines Personaldefizits von mehr als 1000 Mitarbeitern und vielen neuen Beschaffungsvorhaben sei das Amt sehr stark ausgelastet. Auch bei Klaus J. habe man sich gemeldet, sagt er – und ihm mit Konsequenzen gedroht. „Andere haben angerufen und aufgelegt“, ärgert er sich. Klaus J. überlegt jetzt, ob er sein Handy wechselt. „Aber ich stehe doch ohnehin mit dem Rücken zur Wand“, klagt er. Nach 37 Jahren bei der Bundeswehr. Zu verlieren habe er jetzt ohnehin nichts mehr. „Meine Karriere ist hin.“

Dabei war Klaus J. mal mit Leib und Seele Soldat. Bei der Bundeswehr hat er studiert und später als Zivilbeamter den Aufstieg in den gehobenen technischen Dienst geschafft. Jahrelang ging es immer nur bergauf. Bis vor drei Jahren. Da wird er strafversetzt. Weil er unbequem sei, glaubt er. „Da fühlten sich wohl einige auf den Schlips getreten“, sagt er. „Das hat dann eine Welle ungeahnten Ausmaßes angenommen.“ Gegen ihn seien plötzlich Vorwürfe erhoben worden, die vollkommen aus der Luft gegriffen seien. „Aber immer mündlich, nie schriftlich.“

Dabei geht es zunächst eigentlich bloß um eine Lappalie. Klaus J. muss prüfen, ob eine Vertragswerkstatt die Bedingungen für die Reinigung von Fahrzeugen aus einem Auslandseinsatz einhält. Und da ist der Beamte höchst penibel. „Die oberste Doktrin bei uns lautet: Keinen Millimeter vom Vertrag abweichen“, sagt er. Im konkreten Fall sollen Wasser und Spüli eingesetzt worden sein statt des vorgeschriebenen Alkohols. Da kennt Klaus J. keine Gnade. „Sie wissen ja gar nicht, was sie alles nach einem Einsatz in den Fahrzeugen finden“, sagt er. „Von Speichel bis Blut ist da alles dabei.“ Und Alkohol sei da eben am besten, um zu reinigen und zu desinfizieren. Vorschrift ist eben Vorschrift.

Dicke Luft hinter den Mauern des BAAINBw: Bei der Koblenzer Mammutbehörde werden zwar mehr als 1000 Mitarbeiter gesucht. Dennoch fühlt sich ein Beamter kaltgestellt. Der 59-Jährige suchte in unserer Zeitung per Anzeige einen neuen Job „wegen mangelnder Beschäftigung“. Foto: Sascha Ditscher

Dass ihm eine andere Fachabteilung dann auch noch immer wieder „reingegrätscht“ sei und zum Einsatz von Damenstrumpfhosen zur Reinigung von Panzerscheiben geraten habe, veranlasste Klaus J. zu einer süffisanten Bemerkung, die offenbar auch nicht gut ankam. Danach schaukelte sich die Situation nach Aussagen von Klaus J.. immer weiter auf. Erst Strafversetzung, dann Arbeitsentzug.

Aber fordern Rüstungsexperten nicht immer, dass die Behördenmitarbeiter mehr Spielraum bei ihren Verträgen nutzen sollen? „Solange alles gut läuft, haben sie kein Problem, wenn sie abweichen“, räumt Klaus J. ein. „Aber wenn es schief geht, gibt es so was von volles Rohr.“ Dann werde stets nach Schuldigen gesucht. Das habe er schon am eigenen Leib zu spüren bekommen. „Da gibt's dann keinerlei Rückendeckung von oben.“ Ein Einzelfall sei er da beileibe nicht. Da ist sich Klaus J. sicher. „Laufend werden Personen verschoben, die nicht so gelitten sind“, sagt er. „Die meisten stecken dann aber einfach den Kopf zwischen die Beine“, sagt er. Mit Hierarchien habe er ja grundsätzlich kein Problem. „Aber es muss alles Hand und Fuß haben.“

Ist die 10.000-Mitarbeiter-Behörde also der schwerfällige Moloch, wie immer wieder kolportiert wird? „Natürlich“, sagt der 59-Jährige. „Wir verwalten uns doch fast nur noch selbst. Jeder, der was auf sich hält, schreibt eine Vorschrift.“ Starker Tobak. Eigentlich benötigt das BAAINBw seiner Ansicht nach auch nicht mehr als 1000 neue Mitarbeiter. Auf jeden Fall nicht in der Größenordnung. „Ich bin der festen Überzeugung, dass da Optimierungsbedarf besteht“, sagt er.

Und wie geht es jetzt weiter? Klaus J. zuckt mit den Schultern. „Es läuft ein Rechtsstreit mit der Bundesrepublik“, sagt er. Frühpensionierung? Das will er nicht. Vielleicht findet er einen Job in der freien Wirtschaft. Und so ganz hat er auch die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, doch einen Arbeitsplatz beim BAAINBw in Koblenz zu bekommen, der seinen Fähigkeiten entspricht. „Ich bin als 59-Jähriger noch lernfähig.“

Sein Arbeitgeber will sich zu den Vorwürfen nicht weiter äußern. Nur so viel: „Der Vorgang wird bereits intern geprüft, und mit dem betroffenen Mitarbeiter wird das Gespräch gesucht.“

Von unserem Redakteur Dirk Eberz

Kritisch oder „nervig“? Fälle aus dem Land

Der Streit im BAINNBw erinnert an andere spektakuläre Mobbingvorwürfe kritischer Mitarbeiter.

Oktober 2017: Prof. Dr. Harald Ehses fühlt sich vom Land gemobbt.

Ehses, bis Mitte Dezember 2014 Leiter des Landesamtes für Geologie und Bergbau in Mainz, muss nach Meinungsverschiedenheiten um geologische Fragen beim Bau der Hochmoselbrücke seinen Hut nehmen. Nach einem Vergleich wechselt er bei gleicher Besoldung in eine neu geschaffene Stabsstelle für umweltgeologische Grundsatzfragen im Wirtschaftsministerium. Dort fühlte er sich kaltgestellt und unausgelastet. Der Spitzenbeamte verliert eine Klage vor dem Mainzer Landgericht auf eine „amtsangemessene Beschäftigung“.

April 2018: Die Gewerkschaft der Polizei suspendiert den Koblenzer Kreisgruppenchef Detlef Maurer kurz vor dessen Ruhestand von allen Ämtern. Maurer, ein bekannter Streiter für die Polizei, fühlt sich kaltgestellt. Er hatte in der Vergangenheit seinen Dienstherrn oft mit kritischen Äußerungen „genervt“. Sein Anwalt vermutet, dass hier ein Kritiker zum Schweigen gebracht werden soll.

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