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Rechtsruck

Popkultur von rechts: Die Identitäre Bewegung

Wolfgang M. Schmitt

Der Rechtsruck in der westlichen Welt ist nicht nur am Erfolg von Parteien wie der AfD ablesbar, es sind vor allem kleine rechte Bewegungen, die sowohl das reale als auch das digitale Leben erobern. Die Identitäre Bewegung (IB) ist eine davon und sorgte in den vergangenen zwei Jahren deutschlandweit für Furore. So versuchten Identitäre im Sommer 2017, mit einem Schiff auf dem Mittelmeer Flüchtlinge zu stoppen – als eine Art Hilfsorganisation für den Grenzschutz inszenierten sich die vorwiegend jungen Männer –, wenige Monate zuvor demonstrierten sie vor dem Justizministerium gegen Heiko Maas und dessen Politik mit Transparenten, die Aufschriften trugen wie „Gegen Zensur und Meinungsverbote“ oder „Zensurministerium“. Fotos, auf denen Identitäre von Polizisten weggetragen wurden, zierten Aufmacher von deutschen Tageszeitungen und gingen im Internet viral.

Nein, dies sind keine linken Demonstranten. Im Dezember 2016 blockierten Identitäre die CDU-Bundeszentrale in Berlin. Foto: dpa

Die Strategie der Identitären war wieder einmal aufgegangen: größtmögliche Aufmerksamkeit bei vergleichsweise minimalem Einsatz von Personen und Mitteln. Bewusst übernehmen Identitäre linke Protestformen wie etwa Sitzblockaden oder Flashmobs, weil diese sich als effektiv erwiesen haben. Denn die IB ist klein; belastbare Zahlen gibt es keine – Schätzungen zufolge hat die IB in Deutschland mehrere Hundert Mitglieder. Europaweit sind es einige Tausend. Das ist nicht viel, reicht aber, um digitale Kanäle zu dominieren und stets im Gespräch zu bleiben.

Professionell und überaus taktisch geht die IB vor, die bisweilen wirkt, als sei sie eine neurechte Werbeagentur im Hipster-Look, die das nächste große Ding plant. Bereits das Logo, das Lambda aus dem griechischen Alphabet, zeugt davon: Übernommen wurde es aus dem Hollywood-Blockbuster „300“ von 2006.

In dem Film kämpfen 300 Spartaner gegen den übermächtigen persischen König Xerxes. Xerxes steht in der Interpretation für den liberalen Westen, aber auch für die angebliche islamische Bedrohung durch Flüchtlinge. Die Identitären stilisieren sich als tapfere Soldaten mit hoher Opferbereitschaft. Soldatische Ideale, Härte, Disziplin – das ist es auch, was sie in eigenen Boxklubs trainieren. Ihre Kleidung ist ebenfalls sportiv: T-Shirts und Pullis werden über ihren Shop im Internet vertrieben.

Neben dem Logo ist die neurechte Mode mit Konterfeis von konservativen Autoren wie Ernst Jünger oder Friedrich Nietzsche bedruckt, auch Abwandlungen von Sprüchen, wie man sie aus der Punkszene kennt, schmücken die für Herren und Damen erhältlichen Klamotten. Rechtssein ist cool, chic, trendy – diese Botschaft soll transportiert werden. Der Identitäre Mario Alexander Müller hat sogar ein Lexikon mit dem Titel „Kontrakultur“ veröffentlicht, in dem er IB-Novizen in Sachen Stil berät. Leicht lässt sich das belächeln, dahinter aber steckt eine ausgeklügelte Strategie, die sich stark an Werbekampagnen orientiert. Bekannt zu werden wie Coca-Cola, ist das erklärte Ziel.

Wer sich durch die flott geschriebenen, aber immer wieder auch vor Ressentiments gegen Linke, Grüne, Fremde und insbesondere Muslime strotzenden Texte der Identitären liest, wird überrascht sein, wie sie ihr Vorgehen reflektieren und offenlegen. „Die meisten unserer Kampagnen sind derzeit Informationskampagnen, die man sich wie ‚Feldzüge im Infokrieg‘ vorstellen kann“, schreibt Martin Sellner, der Kopf der Wiener Identitären.

Vereinnahmt werden kann dabei alles, was irgendwie passt. Konservative Schriftsteller wie Ernst Jünger ebenso wie Asterix und Obelix – schließlich verteidigen die Gallier doch auch ihre eigene Identität gegen den römischen Imperialismus. Selbst mit dem Indianerstamm der Apachen identifizieren sich Identitäre gern. Die Logik dahinter: So wie die Apachen einst ihre Heimat durch den weißen Mann verloren, verlören die Europäer ihre Heimat durch die Flüchtlinge.

Der Wiener Martin Sellner ist der Posterboy der IB. Foto: Ptolusque/Wikipedia

Importiert wurde diese extrem rechte Gruppierung, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, aus Österreich, doch die Ursprünge der Identitären liegen in Frankreich, wo sie sich bereits vor Jahren als Bollwerk gegen den Islam formierten. In gewisser Weise sind die Identitären internationalistisch, sie sind mit den IBs in Ländern wie der Schweiz, Italien, Norwegen oder Dänemark vernetzt. Sie sind nationalistisch und europäisch zugleich – und sie verachten den liberalen Staat und die EU. Es wäre falsch, die Identitären als Neonazis zu bezeichnen. Von diesen setzen sie sich bewusst ab, auch wenn einige IB-Köpfe wie Sellner eine Neonazivergangenheit haben. Der biologistische Rassismus und der Antisemitismus der Nazis liegen den Identitären fern. Sie berufen sich auf ein anderes Konzept, den in dieser Serie schon beschriebenen Ethnopluralismus.

„Ethnopluralismus ist die Überzeugung, dass die Vielfalt der Völker, Kulturen und Religionen dieser Erde ihren Reichtum ausmacht und daher als Wert an sich erhaltenswert ist“, erklärt Müller in „Kontrakultur“. Weiter heißt es: „Indem der Ethnopluralismus jeder Kultur ihren angestammten Ort zugesteht, erübrigen sich auch der chauvinistische Rassismus und der antisemitische Fetisch, womit der entscheidende Trennstrich zur Alten Rechten gezogen wurde.“ Das klingt auf den ersten Blick nicht extrem, nicht gefährlich – doch das täuscht: Zwar sprechen sich die Ethnopluralisten für Vielfalt aus, doch meinen sie, dass es homogene, unveränderbare Identitäten von Völkern gibt, die nicht vermischt werden dürfen.

Die jeweiligen Völker werden nicht plural, sondern einheitlich gedacht, sie dürfen sich nur am jeweils „angestammten Ort“ aufhalten. Grenzen müssen hochgezogen werden – vor allem gegen Menschen muslimischen Glaubens. Die Identitären wenden das von dem rechten Intellektuellen Alain de Benoist geprägte Konzept widersprüchlich an beziehungsweise kombinieren es mit Renaud Camus‘ rechter Verschwörungstheorie vom „Großen Austausch“. Camus glaubt, die Mächtigen dieser Welt planen einen Bevölkerungsaustausch, um jede Identität, vor allem die europäische, zu zerstören.

Indem die Identitären „Völker, Kulturen und Religionen“ in ihrer Argumentationskette aneinanderreihen, entgeht ihnen, dass gerade Religionen völkerübergreifend sind – so ist etwa das Christentum geradezu universalistisch und anti-identitär. Denn Christ ist, wer sich taufen lässt. Deshalb bleibt die IB zum Christentum auf Distanz, höchstens als Gegenmittel zum Islam muss es herhalten.

Sellner beendet seine Kampfschrift „Identitär“ mit einem Zukunftsszenario: 2032 sind alle Regierungen dem migrationsfeindlichen Kurs von Viktor Orbán gefolgt, die letzten Fremden werden ausgewiesen, dominierend sind nun Nachrichtenportale wie „Breitbart“ und „Tichys Einblick“, der Springer Verlag unterstützt patriotische Parteien, und der US-Präsident, mit dem Europa eng zusammenarbeitet, ist Donalds Sohn Eric Trump. Ein Schreckensszenario also.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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