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Nürburgring

Nürburgring: Zukunft mit Formel 1 und E-Motoren?

Klaus Reimann 10.08.2017, 16:48 Uhr

Der Mann kennt sich aus am Nürburgring. Als Mirco Markfort im März vergangenen Jahres zum neuen Geschäftsführer der capricorn Nürburgring GmbH berufen wurde, war es für den Diplom-Betriebswirt die Rückkehr an die alte Wirkungsstätte. Von 2009 bis 2015 sammelte der heute 39-Jährige erste Berufserfahrung an der Eifelrennstrecke, zunächst als Mitarbeiter im Firmenkundengeschäft, später als Abteilungsleiter im Veranstaltungsmanagement. Unter Markfort schreitet die Restrukturierung des Nürburgring-Unternehmens mit seinen rund 250 Mitarbeitern weiter zügig voran. Doch jetzt das: Dieselskandal und Kartellvorwürfe bei Deutschlands Autobauern stellen auch für den Motorsport eine Gefahr dar. Ohne Frage werden alternative Antriebe wie die E-Mobilität den Motorsport verändern. Wie schnell das passieren wird, welche Auswirkungen diese Entwicklung auf das Geschehen am Nürburgring hat und wie es um die Chancen auf eine Rückkehr der Formel 1 in die Eifel steht, darüber spricht Ring-Geschäftsführer Markfort im Interview mit unserer Zeitung.

Wenn die „Grüne Hölle“ lockt: Beim 24-Stunden-Rennen herrscht Hochbetrieb rund um den Eifelkurs. Foto: Imago

Die Touristenfahrten auf der Nordschleife erfreuen sich großer Beliebtheit, auf der Grand-Prix-Strecke ist nahezu an jedem Wochenende was los, mit dem Mix aus Motorsport, sonstigen Sportveranstaltungen und Musik-Events liegen Sie richtig, wenn es um die Ring-Vermarktung geht. Sie müssten ein glücklicher Mann sein ...

Für uns läuft es wirklich gut. Es gibt keinen Grund zu klagen. Wir haben gut ausgelastete Strecken, alle Veranstaltungen rund um den Motorsport laufen gut, wir haben uns im Musikbereich weiterentwickelt, Rad am Ring und der Strongman-Run haben sich als Sportevents etabliert.

Kann eine solche Rennstrecke heutzutage eigentlich nur noch mit dem richtigen Mix profitabel bewirtschaftet werden?

Ich weiß nicht, wie es an anderen Rennstrecken ist. Bei uns ist das definitiv so, dass der Mix es ausmacht. Das sieht man schon anhand der Publikumsveranstaltungen im Motorsport. Da bedienen wir verschiedene Zielgruppen. Beim Truck-Grand-Prix sprechen wir beispielsweise eine ganz andere Zielgruppe an als beim 24-Stunden-Rennen. Eine DTM hat dann auch wieder ihre eigene Anhängerschaft. Publikumsveranstaltungen sind aber nur ein Teil, da sind noch andere Säulen, auf denen unser mittelständisches Unternehmen steht. Wir haben die Touristenfahrten auf der Nordschleife, den Industriepool mit seinen umfangreichen Testaktivitäten, die gewerblichen Vermietungen wie das Sportfahrer-Training. Darüber hinaus ist Merchandising ein großes Thema, ebenso die Hotellerie und Gastronomie. Das alles zusammen macht uns vermutlich zukunftssicherer als andere Rennstrecken. Ich rechne für 2016 mit einem guten schwarzen Plus.

Will die Formel 1 wieder in die Eifel holen: capricorn-Geschäftsführer Mirco Markfort. Foto: DH Studio Köln

Besser als 2015 ?

Auf jeden Fall besser. Wir werden ein gutes Ergebnis erzielen. Im Detail können wir das noch nicht sagen, die Jahresabschlussprognose hat sich ein wenig nach hinten verschoben. Aber wir sind dran.

Gerade ziehen, was den Motorsport angeht, dunkle Wolken auf. Dieselskandal, Kartellvorwürfe – die deutsche Automobilindustrie ist in die Defensive geraten. Wie schätzen Sie die Situation ein, und welche Bedeutung hat diese Entwicklung für die Geschäfte am Ring?

Die Entwicklung auf dem Automobilsektor generell ist schwierig für Deutschland, weil es unsere Vorzeigeindustrie ist. Auswirkungen auf den Motorsport sind schon jetzt deutlich zu erkennen. Da nenne ich nur den angestrebten Mercedes-Ausstieg in der DTM. Audi hat sich ja bereits 2016 aus der Langstrecken-WM zurückgezogen. Es gibt einige Beispiele dafür, dass Unternehmen wegen diverser Probleme innerhalb des Konzerns ihr Engagement im Motorsport überdenken. Das ist bedauerlich. Ich glaube, momentan kann keiner absehen, wo das hinführt. Klar erkennbar wird allerdings, wie sich die Hersteller auf die sogenannten High-End-Produkte stürzen, auf die Formel 1 und die Formel E also. Und wie die anderen, dahinter gelagerten Serien wie die Langstrecken-WM oder die DTM unter dieser Entwicklung leiden.

Weckt das Befürchtungen, was Veranstaltungen angeht, auf die Sie seit Jahren bauen – so wie die Langstreckenmeisterschaft VLN?

Ich glaube, dass die Probleme eher in den Motorsportsegmenten auftreten, die die Hersteller als Marketing-Tool ansehen wie die DTM oder die WEC. Bei Serien wie der VLN oder beim 24-Stunden-Rennen engagieren sich die Werke ja aus ganz anderen Gründen. Da geht es in erster Linie um Kundensport. Und deshalb wird es diese Serien auch noch lange geben. Vielleicht gewinnen VLN oder 24-Stunden-Rennen sogar noch an Bedeutung, wenn das Mittelsegment eines Tages wegbricht.

Sie sehen also noch keine Zäsur im Motorsport?

Nein, die sehe ich nicht. Bei ein paar Formaten wird es sicher interessant sein, die weitere Entwicklung zu verfolgen. Für die Langstrecken-WM wird es nach dem Porsche-Ausstieg eng, der DTM räume ich noch Chancen ein, die Kurve zu kriegen. Mit nur zwei Herstellern wird das nicht funktionieren. Aber unter der neuen Führung von Gerhard Berger kann die momentane Situation auch eine Chance sein, sich weiterzuentwickeln. Die Chance besteht, einfach mal anders zu denken, festgefahrene Strukturen aufzubrechen, die oftmals ja auch am Markt vorbeigegangen sind. Siehe Formel 1. Dort setzt bei Liberty Media, dem neuen Besitzer der Königsklasse, ja bereits ein anderes Denken ein. Die Formel 1 öffnet sich wieder, sie will weg vom sterilen Motorsport, will fanfreundlicher werden.

Eine Chance für den Motorsport generell?

Ja, durchaus. In der Formel 1 wie in der DTM sind neue Leute am Ruder, die bereit sind, mit Althergebrachtem zu brechen, die bereits sind, etwas zu verändern, die offen sind für neue Ideen.

Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass Sie ab 2019 die Formel 1 gern wieder in die Eifel holen würden. Was kann der Nürburgring den neuen Formel-1-Besitzern bieten, womit können Sie Liberty Media den Ring schmackhaft machen?

Klar, das ist unser Ziel. Dieses Format fehlt uns noch im Jahreskalender. Aber dieser Schritt muss auch wirtschaftlich vertretbar sein. Wir erwirtschaften mit der GmbH Gewinne, aber die können wir nicht für eine Formel 1 aufs Spiel setzen. Wir bieten den neuen Besitzern ein umfangreiches Wissen, was die Vermarktung angeht. Wir wissen genau, wer unsere Kunden sind, wo unser Einzugsgebiet ist. Wir können denen sagen, was die Fans in Deutschland möchten, was sie brauchen, um zur Rennstrecke zu kommen. Ein reines Rennen nur für die Fernsehbilder wird uninteressant für die Zukunft. Das ist glaube ich auch nicht Ziel von Liberty. Deshalb werden diese Rennen in entlegenen Ländern ohne großen Fanzuspruch irgendwann auch nicht mehr interessant sein. Denn Motorsport ist generell emotional, der Nürburgring ist emotional. Was wir bieten können, sind Emotionalität und Tradition. Das ist unser Markenkern. Die Fans müssen einfach wieder näher dran sein, könnten zum Beispiel Zugang zum Fahrerlager bekommen statt immer nur vor verschlossenen Türen zu stehen. Wir sind jedenfalls gut aufgestellt im Marketing und PR-Bereich, wir können beratend tätig sein. So versuchen wir, uns jetzt aufzustellen und ein tragbares Konzept zu erstellen.

Trotz all dieser Vorteile werden Sie finanziell in Vorlage treten müssen. Zweistellige Millionenbeträge wie früher sind da sicher nicht mehr leistbar. Wo liegt Ihre Schmerzgrenze?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Die Verträge, die früher geschlossen wurden, waren ja relativ simpel strukturiert. Man zahlte als Veranstalter eine bestimmte Gebühr und erhielt dafür einen Teil der Einnahmen. Wenn es für den Veranstalter indes möglich ist, auch an anderen Stellen zu partizipieren, mitzuverdienen, dann könnte die Gebühr auch schon mal höher sein. Es kommt auf das Gesamtpaket an. Ohne Risiko geht ein solches Geschäft nie über die Bühne. Aber dieses Risiko muss besser verteilt sein – ebenso wie die Chancen auf Umsätze.

Gab es bereits erste Gespräche mit Liberty Media?

Es gab Kontakt, aber noch keine Gespräche.

Wann wird es die geben?

Wir werden in absehbarer Zeit Gespräche aufnehmen.

... noch in dieser Saison?

Klar, wir müssen ja frühzeitig dran sein. Wir brauchen mindestens ein Jahr Vorlaufzeit. Deshalb müssen die Gespräche noch in diesem Jahr geführt werden. Ich glaube, dass auch bei Liberty Media das Bestreben da ist, einen Grand-Prix in Deutschland im Kalender zu haben. Warten wir es ab.

Ist die Formel E ein Thema für Sie?

Die Frage ist eher, ob die Formel E auch auf einer Rennstrecke funktioniert. Diese Serie funktioniert gut in Ballungszentren, weil dort ein gewisses Grundrauschen an Menschen herrscht, siehe Berlin. Wie viele Leute an eine Rennstrecke kämen, um sich ein solches Rennen anzusehen, ist die spannende Frage. Alternative Antriebe sind für uns generell sehr interessant. Wir sind im Kontakt mit einem Serien-Promoter, der europaweit eine GT-Serie mit E-Motoren ins Leben rufen will. Gut möglich, dass ein solches Rennen im nächsten Jahr auch auf dem Ring stattfindet. Wir müssen uns für die Zukunft wappnen – auch wenn wir nicht davon ausgehen, dass alternative Antriebe auf absehbare Zeit den Verbrennungsmotor auf der Rennstrecke ablösen werden. Da zitiere ich einen Motorsportexperten, der im Laufe einer Diskussion mal gesagt hat: Der letzte Verbrennungsmotor wird auf einer Rennstrecke abgestellt werden.

Das Gespräch führte unser Redakteur Klaus Reimann

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