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Friedewald

Felsen und Co. halten Larena Hees nicht auf – 19-Jährige aus Friedewald ist Deutsche Meisterin im Fahrradtrial

Bei den deutschen Meisterschaften im Fahrradtrial witterten einige Frauen ihre große Chance. In Abwesenheit der Titelverteidigerin und Weltmeisterin Nina Reichenbach, die für einen Showauftritt gebucht worden war, ergab sich im hessischen Heiligenrode die vielleicht einmalige Gelegenheit, sich die nationale Krone aufzusetzen. Auch Larena Hees machte sich Hoffnungen. Doch für die 19-jährige aus Friedewald beginnt der Wettkampf nicht gut, neben einem Plattfuß am Vorderrad gleich zu Beginn schlägt sich ihre Nervosität nach der ersten Runde in 16 Fehlerpunkten nieder. Aber Hees lässt sich nicht unterkriegen, sie legt die Unsicherheit nach und nach ab und steigert sich kontinuierlich. In der finalen dritten Runde leistet sie sich nur noch fünf Strafpunkte – und wird am Ende Deutsche Meisterin.

Sehenswert: Um einen Sprung auf einen Baumstamm auf dem Hinterrad stehend ausbalancieren zu können, braucht es neben einem guten Gleichgewichtssinn auch eine Menge Training. Fotos: LS Photographics
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„Bei mir klappt es am besten, wenn ich fahren kann ohne mir selbst Druck zu machen“, hat Larena Hees irgendwann mal über sich herausgefunden. Dass es nicht immer leicht ist ruhig zu bleiben, wenn wie in Heiligenrode rund 300 Zuschauer an der Strecke stehen, ist klar. Über all das wird sich Hees wohl noch keine Gedanken gemacht haben, als ihr Puky-Fahrrad im Kindesalter für die ersten Sprünge herhalten musste. Ein BMX-Rad taugte dafür schon besser, irgendwann war es dann ein Trial-Bike – also ein Zweirad ohne Sattel, Schaltung und Federung. Allein aus dieser Konstruktion heraus ergibt sich, dass beim Trial weniger gefahren als vielmehr gesprungen wird. Es gilt, das Rad in jeder Situation perfekt zu beherrschen, um natürliche Hindernisse wie Auf- oder Abfahrten, Wurzelpassagen, Felsen und künstliche Hindernisse wie Betonröhren, Kabelrollen, Bretter, Ölfässer oder Paletten zu überqueren.

Von Letzterem werden allein in Heiligenrode 90 Stück gebraucht, um für die Sportler sechs Sektionen vorzubereiten. Und auch im Training sind Paletten ein fester Bestandteil, um neue Techniken und Sprünge risikofrei zu üben. „Für ein gutes Radgefühl ist es aber notwendig, nicht nur auf geraden Flächen und Kanten zu fahren, sondern auch auf natürlichen Hindernissen klar zu kommen“, erklärt Hees. Waldstellen mit Felsen und quer liegenden Baumstämmen seien der beste Trainingsort, am Ende ist aber die Kombination aus beidem nötig, um ein optimales Training zu haben. Dafür braucht es allerdings auch gewisse Bedingungen, die grundsätzlich nur schwer zu erfüllen sind. „Der Sport ist eben relativ unbekannt und es wird nicht gerne gesehen, wenn man im Ort auf Mauern und Steinen herumspringt“, sagt Hees, die sich deshalb beispielsweise eine Halle samt Paletten wünschen würde, um auch im Winter trainieren zu können – zumal sie dabei dann nicht allein wäre. So gäbe es allein in Friedewald inzwischen sieben Fahrradtrialer.

Offiziell fährt Hees für den MSC Salzbödetal. Zum Training ist sie allerdings nur selten in Bad Endbach, der Ort in Hessen liegt nämlich rund eine Autostunde von ihrem Wohnort entfernt. Doch der Verein ist der einzige weit und breit, der aktiv mit Fahrradtrial zu tun hat, und gerade am Anfang sei es wichtig, auch andere Sportler als Ansprechpartner zu haben, weiß Hees. Nun ist sie selbst längst nicht mehr am Anfang. Auf dem Weg ins internationale Spitzenfeld aber wird sie weiterhin auf Unterstützung angewiesen sein – vor allem finanziell. Im vergangenen Jahr fanden die Weltmeisterschaften in China, für die sich Hees qualifiziert hatte, ohne sie statt. Die Reise war schlichtweg nicht zu bezahlen.

Während die meisten mit einem Fahrrad ohne Sattel nichts anfangen können, springt Larena Hees damit über Felsen, Baumstämme und andere Gegenstände, die für gewöhnlich umfahren werden.
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Im Einzelsport sind Geldgeber oftmals unverzichtbar, um es möglichst weit zu bringen. Als Deutsche Meisterin hat es Larena Hees durchaus schon weit gebracht, das Ende soll damit aber noch nicht erreicht sein. Anteil an Hees’ bisherigem Erfolg hat ein Sponsor, der inzwischen ihr Arbeitgeber ist. Im Zweiradhaus Kämpflein in Daaden arbeitet sie als Mechanikerin und Verkäuferin und hat gewissermaßen ihr Hobby zum Beruf gemacht. „Durch meinen Sport war ich schon immer darauf angewiesen, alle Arbeiten an meinem Rad selbst zu erledigen“, erklärt Hees.

Neben der Arbeit trainiert sie momentan bis zu 15 Stunden in der Woche. Und der Ehrgeiz machte sich nicht nur bei den deutschen Meisterschaften bezahlt, sondern auch beim ersten Welt-Cup-Lauf der Saison. Am zurückliegenden Wochenende wuchs Hees im österreichischen Vöcklabruck über sich hinaus, sodass sich erst in der letzten Sektion entschied, ob es für den Einzug ins Finale der besten Sechs reichen würde. Das tat es am Ende zwar nicht, weil sich Hees drei Fehlerpunkte zu viel erlaubte, aber immerhin schaffte sie mit Rang acht ihre bislang zweitbeste Welt-Cup-Platzierung und gewann außerdem die Erkenntnis, dass ein Finale „in absolut erreichbarer Nähe“ ist. Vielleicht ja schon bei den Europameisterschaften in knapp anderthalb Wochen in Moudon in der Schweiz. Dann auch mit und gegen Weltmeisterin Nina Reichenbach. Andreas Hundhammer

Wer Larena Hees mal in Aktion sehen und sich einen Eindruck vom Fahrradtrial machen will, findet hier ein entsprechendes YouTube-Video

Fahrradtrial – die hohe Kunst des Balancierens

Trialer werden als die „Künstler“ unter den Radsportlern bezeichnet, denn was sie mit dem Fahrrad anstellen, bewerkstelligt so manch einer noch nicht einmal zu Fuß. Das Ziel des Trial-Sports ist es, mit dem Fahrrad auf beziehungsweise über Hindernisse zu fahren, und zwar ohne einen Fuß auf den Boden zu setzen. Grundvoraussetzungen im Fahrradtrial sind Balance, Konzentration, Fahrrad- und Körperbeherrschung sowie physische Fitness. Es gilt, das Fahrrad in jeder Situation zu beherrschen. Dabei fahren fortgeschrittene Trialer nicht nur, vielmehr hüpfen und springen sie scheinbar spielerisch über alle nur erdenklichen Hindernisse. In einem Wettkampf absolvieren die Fahrer mehrere Trial-Parcours möglichst fehlerfrei. Die Hindernisse bestehen meist aus Steinen, Felsen, Baumstämmen, Wassergräben oder künstlichen Hindernissen wie Autos, Kabeltrommeln und Paletten. Wer am Ende eines Wettkampfs den Fuß am seltensten auf den Boden gesetzt hat, gewinnt den Wettbewerb.

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